Gebetsnacht

Einladung zum gemeinsamen Wachen und Beten

 

In vielen Gemeinden ist es gute Tradition, nach der Feier des Letzten

Abendmahles zusammenzubleiben, um im Gebet die Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag gemeinsam zu verbringen. Wir folgen damit der Bitte Jesu an die Jünger: „Bleibt hier und wacht mit mir.“ Diese Tradition geht in diesem Jahr nicht. Dennoch sind wir eingeladen, alleine oder in der Familie, Jesus durch die Nacht zu begleiten.

 

Gründonnerstag – das ist nicht nur die Stunde des letzten Abendmahls. Das sind im Leben Jesu weitere Stunden. Nach der Feier des Abendmahls stehen ihm die Nacht und die Angst im Garten von Gethsemane noch bevor. Es wäre für uns nicht recht, uns für eine kurze Zeit mit Jesus zu Tisch zu setzen, mit ihm zu essen und zu trinken, uns von ihm bedienen und beschenken zu lassen und dann zu gehen, ihn nicht in seiner Angst und seiner Verzweiflung zu begleiten. Diese Nacht ist erfüllt von der Spanne zwischen Abendmahlsaal und Golgotha, die Dramatik zwischen gemeinsamen Feiern und einsamer Verzweiflung kann uns nicht kalt lassen.

 

Gleichzeitig greifen wir damit eine alte Tradition auf. Schon zum Ende des vierten Jahrhunderts wurde in Jerusalem der Todesangst Christi in der Nacht zum Karfreitag liturgisch gedacht. Diese so genannten „Ölbergandachten“ waren auch Bestandteil mittelalterlicher Passionsfrömmigkeit. Nach Verboten im 18. Jahrhundert haben sich die Ölbergandachten nur noch vereinzelt bis in die Gegenwart behauptet.

 

Das vorliegende Heft versucht diese Traditionen in moderner Form aufzugreifen. Es bietet Ihnen Gebete, Texte und Bildbetrachtungen für die Gründonnerstagnacht. Im Mittelpunkt stehen die Personen dieser Nacht. Wir werden Jesus, den Jüngern, Judas, den Soldaten und anderen Personen begegnen. Texte, die den Bezug zur Gegenwart herstellen, sollen ein Licht werfen auf unser eigenes Leben und unsere eigenen Verhaltensweisen. Der Schritt von der Betrachtung der Gründonnerstagnacht auf eine Reflexion unseres Alltags wird durch Symbolbilder und betrachtende Texte erleichtert.

 

Wir begegnen den Personen dieser Nacht in mehreren Abschnitten, die Sie über die Nacht verteilt oder in einem kürzeren Zeitraum lesen und betrachten. Sie können auch einzelne Elemente herausnehmen. Den Abend möchte ich unter den Titel „Leid wahr-nehmen, heil werden“ stellen. Schon dieser Titel verdeutlicht die Spannung, unter der wir stehen. Wir dürfen das Leid dieser Nacht nicht ausblenden, aber wir brauchen auch nicht an ihm zu verzweifeln. Denn seit dieser Nacht ist kein Mensch mehr in seinem Leid allein, da Jesus, der die Verzweiflung und die Schmerzen am eigenen Leibe erfahren hat, bei ihm ist. Und wo er ist, dort beginnt Heilung.

 

Michael Tillmann

Gemeinschaft: Abschied und Anfang

 

 

Endlich zur Ruhe kommen.

Die letzten Tage waren aufregend:

Der umjubelte Einzug in Jerusalem,

die Konfrontation mit den Händlern im Tempel.

Auf die Feier des Passahfestes freuen sich die Jünger,

liebevoll bereiten sie den Abend vor.

Endlich einmal ungestört,

eine geschlossene Gesellschaft.

Viel zu selten hatten sie Jesus für sich allein.

 

 

Jesus durchkreuzt die Stimmung.

Die Stunde der Gemeinschaft

wird zur Stunde des Abschieds.

Nur zwei wissen um das,

was geschehen wird,

der Täter und das Opfer.

Zwei aus der Gemeinschaft –

und die Jünger können es nicht glauben.

 

 

Gegessen und getrunken wird auch.

Festmahl der besonderen Art,

auf Zukunft angelegt – bis heute.

Mahl der Erinnerung.

Ein Stück Brot, ein Schluck Wein – nur eine Kleinigkeit.

Alltägliche Dinge, die Gottes Gegenwart und Ewigkeit anzeigen.

 

 

Eine Zumutung:

Ein Glaube,

der sich in alltäglichen Kleinigkeiten zeigt,

nicht in großartigen Wundern oder himmlischen Offenbarungen.

Eine Herausforderung des Glaubens:

Gott zeigt sich in solchen Kleinigkeiten.

Nicht in Blitz und Donner,

nicht in Gewalt und Ausgrenzung,

sondern in einem Stück Brot und einem Schluck Wein.

 

<h1>Und ich?</h1>

 

 

„Einer von euch wird mich verraten –

einer, der jetzt mit mir isst.“

 

 

Ende der Freude.

Jeder fühlt sich ertappt.

Keiner fragt: „Wer ist es?“,

aber jeder will wissen:

„Bin ich es, Herr?“

 

 

Keine Verdächtigungen, aber Zweifel.

Zweifel an der Aufrichtigkeit ihrer Nachfolge.

 

 

„Einer von euch wird mich verraten –

einer, der jetzt mit mir isst.“

Dieser Satz gilt bis heute.

Judas war nicht der einzige Verräter.

Wie die Jünger, kann auch ich fragen:

„Könnte Jesus mich meinen?

Teile ich das Brot mit den Armen,

bekenne ich mich zu ihm und folge anderen?

Habe ich Zeugnis von ihm abgelegt –

auch dann, wenn Gelächter, Spott oder Streit die Folge waren?“

 

 

 

 

Gebet

 

 

Herr, in der Stunde des Abschieds

erinnere ich mich an Situationen,

in denen ich dich allein gelassen habe,

Herr, erbarme dich.

 

 

Manchmal fühle ich mich allein gelassen,

manchmal spüre ich dich nur in der Ferne,

zweifele an deiner Begleitung.

Christus, erbarme dich.

 

 

Wir haben – auch als Gemeinschaft – Wege zu gehen,

da haben wir das Gefühl,

nicht genug Wegzehrung im Gepäck zu haben.

Durststrecken, ohne vollen Rucksack.

Zeiten, in denen unser Hunger nach Leben ungestillt bleibt.

Herr, erbarme dich.

Bild: Gemeinschaft – Abschied und Anfang

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Hinweis, wovon Gemeinschaft lebt:

Liebe kennt kein Oben und Unten.

Zum Abschied fängt ganz Neues an.

Bildbetrachtung

 

 

Mehr, als eine letzte Geste.

Ein Hinweis,

wovon Gemeinschaft lebt.

 

 

Der sich zu den Füßen herabbeugt,

stellt die Welt auf den Kopf.

Oder vielleicht doch

zurück auf die Füße?

Auf den Boden,

auf dem alle stehen,

in gleicher Augenhöhe.

 

 

Denn so wenig der Bediente

über dem Dienenden steht,

so wenig soll sich der Dienende

über den Bedienten stellen.

 

 

Denn die Liebe kennt kein Oben und Unten.

Auf die Frage:

„Wer wohl der Größte sei?“,

kennt sie keine Antwort.

 

 

Dennoch gilt:

„Ich habe euch ein Beispiel gegeben,

damit auch ihr so handelt,

wie ich an euch gehandelt habe“,

spricht Jesus.

 

 

Auf den Knien, im Schmutz,

nicht mit den Händen im Schoß

krönt er seinen Dienst:

„Ein neues Gebot gebe ich euch:

Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe,

so sollt auch ihr einander lieben.“

 

 

Den wer anderen die Füße wäscht,

krümmt den Rücken am tiefsten.

Jesus nennt dies

den einzig aufrechten Gang

der Christen.

Judas: Verrat und Verzweiflung

 

 

Zweitausend Jahre Täter.

Heuchler, der mit dem Kuss verrät.

Verräter aus Habgier.

Dieb und Betrüger an den Armen.

Judaskuss und Judaslohn –

Namensgeber für alles Übel.

 

 

Judas – Täter und Opfer.

Das zweite Opfer der Passionsgeschichte.

Auch ihm hat sie das Leben gekostet.

Verräter und Verzweifelter.

 

 

Zweitausend Jahre Täter.

Und ich weiß nicht warum.

 

Aus Habgier?

So groß war die Summe nicht – 30 Silberlinge.

Reich ist Judas dadurch nicht geworden.

Es reichte gerade für einen steinigen, unbrauchbaren Acker.

 

Aus Enttäuschung?

Weil er sah, dass Jesus keinen Erfolg haben würde.

 

Aus Hoffnung?

Auf ein irdisches Königreich Jesu mit eigenem hohen Posten.

 

Aus Taktik?

Damit Jesus endlich seine Depression überwinde – dieses ständige Gerede vom Tod – ;

um ihn herauszureißen aus der Lethargie, endlich handelt,

anstatt sich herumschubsen zu lassen.

 

 

Vielleicht die Tragik:

Judas, einziger, der meint, Jesus zu verstehen

und dann das Falsche tut.

 

 

Judas, reduziert auf eine Tat.

Viel erfahren wir nicht von ihm,

was die Bibel erzählt, passt auf eine Seite.

Reduziert auf den Verrat.

 

<h1>Und ich?</h1>

 

 

Er ist einer von ihnen – wie ich.

Er ging wie die anderen Jünger hinter Jesus her,

staunte über seine Worte und Taten – wie ich.

Dann hat er sich die Maske vom Kopf gerissen –

was ist mein wahres Christengesicht?

 

 

Was offenbart mein Gesicht, ohne alle Schminke?

Zeigt sich mein Judas-Gesicht?

Lassen mich Habgier, Neid, Stolz

zum Verräter werden –

an anderen und an Jesus,

der auch mich in seine Nachfolge gerufen hat?

 

 

Was mich von Judas unterscheidet?

 

Das, was er nicht annehmen konnte,

wird mir versprochen:

Vergebung.

 

Deshalb kann ich,

was Judas bis zu seinem Tod nicht konnte:

Maskenlos in den Spiegel zu blicken,

Schuld eingestehen,

um Vergebung bitten.

 

 

 

 

Gebet

 

 

Die Geschichte von Judas ist auch unsere Geschichte.

Niemand von uns ist auf dem Weg des Glaubens

frei von Schuld und Versagen.

Herr, erbarme dich.

 

 

Judas ist daran zerbrochen, dass er etwas ganz Bestimmtes von Jesus erwartete. Dass die Erwartungen sich nicht erfüllten, daran zerbrach er.

Was wollen wir von Jesus? Die Erfüllung unserer Wünsche? Oder ihn selbst? Mit allen Konsequenzen?

Christus, erbarme dich.

 

 

Judas ist das Sinnbild des Bösen. Wenig wissen wir von seinen Motiven. In unserer Heilsgeschichte hat auch das Unheil seinen Platz. Säßen und beteten wir heute hier ohne Judas? Das ist schwer zu verstehen.

Herr, erbarme dich.

Bild: Judas – Verrat und Verzweiflung

 

Der Kuss:

Noch einmal das sein, was Judas nicht mehr sein kann:

Jünger Jesu.

Bildbetrachtung

 

 

Der Kuss.

Verabredetes Zeichen

oder

Festhalten an dem, was war?

Noch einmal das sein,

was Judas nicht mehr sein möchte:

Jünger Jesu?

 

 

Und Jesus?

Er nennt Judas „Freund“.

Traurige Erinnerung an das, was gewesen ist?

Jesus wusste um den Verrat des Judas.

Schon beim Abendmahl.

Und dennoch:

Er schließt ihn nicht aus.

Als Jesus sich in Brot und Wein verteilt,

lässt er zu,

dass auch Judas ihn empfängt.

 

 

Zeichen, das Hoffnung schenkt.

Denn, wenn Judas nicht ausgeschlossen wurde,

dann ist Gottes Liebe auch größer als unsere Schwäche.

 

Wenn Judas nicht ausgeschlossen wurde,

dann wird niemand mehr ausgeschlossen von Gottes Liebe.

Wenn Judas nicht ausgeschlossen wurde,

dann ist Gottes Liebe größer als unsere Vernunft.

 

Wenn Judas nicht ausgeschlossen wurde,

dann umfängt auch ihn die Liebe Gottes,

die den Tod überwindet.

 

 

Als Judas seinen Verrat erkennt,

ist er auch in seiner Reue radikal.

Wie Jesus ist auch er allein,

verzweifelt,

stirbt.

Wird es für ihn auch Ostern?

 

(nach Helmut Kreller/Mechthild Hagen)

Petrus: Versprechen und Schwäche

 

 

„Und wenn ich mit dir sterben müsste,

ich werde dich nie verleugnen.“

Petrus: stark –

doch nur mit Worten.

 

„Simon Petrus aber, der ein Schwert bei sich hatte,

zog es, schlug nach dem Diener …“

Petrus: mutig –

doch nur mit dem Schwert.

 

„Petrus folgte Jesus von weitem,

um zu sehen, wie alles ausgehen würde.“

Nachfolge, um zuzusehen.

 

 

Versprechen und Schwäche.

Wollen und Vollbringen.

Begeisterung und Angst.

Reden und Handeln.

 

 

Liebe macht blind.

So sehr liebt Petrus Jesus,

dass er an seiner eigenen Stärke nicht zweifelt.

 

 

„Bist du nicht auch einer von den Jüngern dieses Menschen?“

Petrus: umgeworfen durch eine einzige Frage.

Verleugnung, um sich selbst zu retten.

Vom Bekenner zum Verräter:

Manchmal ein kurzer Weg.

 

 

Jesus wusste, was für ein unsicherer Kantonist Petrus war.

Er wusste es, als Petrus in den Wellen versank

und als er am Tabor drei Hütten bauen wollte.

Und Jesus wusste es,

als er ihn den Fels nannte.

Auf Sand gebaut,

doch Fels getroffen.

Denn in jedem Sandkorn

steckt das Geheimnis eines Felsen.

 

<h1>Und ich?</h1>

 

 

Ein schöner Freund ist das.

Wärmt sich am Feuer,

bleibt dort hocken,

als Jesus übel mitgespielt wird.

Warum schreit Petrus nicht auf?

Erzählt, wie es wirklich ist?

 

 

Und ich?

Verstecke ich mich nicht auch,

anstatt nach meinem Glauben gefragt zu werden.

Winde mich wie ein Aal,

anstatt Bekenntnis abzulegen.

Und mir droht nicht Haft, Folter und Tod.

Vielleicht nur Kopfschütteln oder Spott.

 

 

„Herr, wohin willst du gehen?

Warum kann ich dir jetzt nicht folgen?“

Wer so fragt, sehnt sich nach Gott.

Wer so fragt, weiß um Halt, Sinn und Ziel

des Glaubens.

Frage ich so?

Und antworte,

wenn ich gefragt werde.

 

 

 

 

Gebet

 

 

Wenn wir dich heute verleugnen, verleugnen wir uns selbst,

verleugnen, dass du für uns geboren bist,

dass du für uns gestorben bist, dass du für uns auferstanden bist.

Herr, erbarme dich.

 

 

Wenn wir dich heute verleugnen, verleugnen wir uns selbst,

verleugnen, dass wir durch dich geboren sind,

dass wir zu dir hin sterben werden, dass wir bei dir auferstehen werden.

Christus, erbarme dich.

 

 

Du weißt, wie oft in unserem Leben der Hahn schreit.

Und dennoch vertraust du uns, dennoch erwartest du unser Bekenntnis.

Alle Schwachheit sind in deinem Glauben an uns aufgehoben.

Herr, erbarme dich.

Bild: Petrus – Versprechen und Schwäche

 

 

 

 

 

 

 

 

Festgehalten – Mund gehalten – Festgehalten

Bildbetrachtung

 

 

Wenn Petrus doch nur einmal den Mund gehalten hätte.

Vorlaut, beim Ablegen von Treueschwüren,

Schnell mit Versprechungen bei der Hand.

Doch als es darauf ankommt, Schweigen.

 

 

Wenn Petrus doch nur einmal nachgedacht hätte.

Als Jesus ruft, schläft er.

Aus Liebe greift er dann zum Schwert.

Doch Jesus fällt ihm in den Arm.

Denn der, der für ihn Partei ergreifen will,

stellt sich ihm in den Weg.

 

 

Vier Hände.

Den Mund verschlossen.

Zurückgehalten.

Und die Hand auf der Schulter.

Ich vertraue dir.

Ich verlasse mich auf dich.

Du wirst mich nicht enttäuschen.

 

 

Jesu Bekräftigung in wenigen Worten:

„Ich aber habe für dich gebetet,

dass dein Glaube nicht erlischt.

Und wenn du dich wieder bekehrt hast,

dann stärke deine Brüder.“

 

 

Das Temperament,

das Petrus so oft hat in die Irre gehen lassen,

wird zur Begeisterung

für den Glauben.

Aus dem Strohfeuer

eine Flamme.

Jakobus und Johannes:

Ruhe und Geborgenheit

 

 

Sie waren von Anfang an dabei.

Erstberufene.

Söhne des Zebedäus.

Der Jünger, den Jesus liebte.

Die Donnersöhne.

Zur Rechten und Linken Jesu

wollten sie sitzen,

und schlafen jetzt,

nur einen Steinwurf weit von ihm entfernt.

 

 

Bei allem waren sie dabei gewesen,

Zeugen von Ereignissen, die nur wenige erlebten:

bei der Verklärung auf dem Berg,

bei der Auferweckung der Tochter des Jairus.

Stets an seiner Seite – auch in dieser Nacht,

und doch trennen sie Welten,

und sind nur einen Steinwurf weit entfernt.

Die Schreie der Verzweiflung hier,

die ruhigen Atemzüge des Schlafes dort.

 

 

Wie können sie nur schlafen?

 

 

Vor Erschöpfung, aus Kummer und Sorge,

wenn der Schlaf ein Segen ist?

Kraft tanken für kommende Stunden,

im Wissen, um das, was passieren wird?

 

 

Oder ist ein fester Glaube

sanftes Ruhekissen ihres Schlafes?

Jesus wird’s schon richten!

Was soll jetzt noch schief gehen?!

Das Vertrauen der Jünger ist einschläfernd.

Dreimal geht Jesus zu ihnen,

doch ihren Glauben kann er nicht wecken.

Kinderglaube,

der sie schlafen lässt wie Kinder.

 

<h1>Und ich?</h1>

 

 

„Bleibt hier und wacht mit mir.

Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet.“

Die Aufforderung Jesu gilt auch mir.

Nicht nur in dieser Nacht.

 

 

„Konntet ihr nicht einmal eine Stunde mit mir wachen?“

Die Frage Jesu gilt auch mir.

Ich weiß um meine Schläfrigkeit,

meine Bequemlichkeit,

meine Gedankenlosigkeit.

 

 

Halte ich sein Ringen, seine Tränen nicht aus,

möchte ich die Augen davor verschließen?

Dem starken Jesus, dem Tröster und Heiler,

dem Adressat meiner Bitten zu folgen, fällt mir nicht schwer.

Doch dem Weinenden, dem Klagenden und Verfolgten,

dem Ohnmächtigen, möchte ich ihm auch nahe kommen

oder lieber nicht, denn es könnte mir ergehen wie ihm.

 

 

Wachet und betet …

denn die durchwachte Nacht Jesu überwindet den Alptraum.

Die verschlafene Nacht der Jünger erwacht im Alptraum.

 

 

 

 

Gebet

 

 

Es fällt uns leichter zu glauben, wenn es uns gut geht. Dafür beten wir dann oft weniger. Wenn es uns schlecht geht, lernen wir beten, verlieren aber an Glauben.

Herr, erbarme dich.

 

 

Wir vergessen, dass du immer für uns da bist – in Freude und in Leid – und dass du unsere Gebete zu jeder Zeit hörst. Und manchmal zweifeln wir an dir, verzweifeln.

Christus, erbarme dich.

 

Oft verschlafen wir deine Nähe. Dabei gibst du uns zahlreiche Gelegenheiten aufzuwachen, wenn du in der Nähe bist. Menschen, die unsere Hilfe brauchen. Menschen, die uns lieben. Der Weckruf des Glaubens ertönt in vielen verschiedenen Formen.

Herr, erbarme dich.

Bild: Jakobus und Johannes – Ruhe und Geborgenheit

 

Trennung: Scheinbar endgültig. Aber nur vorläufig.

Bildbetrachtung

 

 

Und er sagte zu seinen Jüngern:

Setzt euch und wartet hier.

 

Nur Petrus, Jakobus und Johannes nimmt er mit.

 

Abschied von den anderen Jüngern.

 

Mit ihnen wird er nicht sprechen

vor seinem Tod.

Trennung.

 

 

Scheinbar endgültig.

Aber nur vorläufig.

 

Für die Jünger,

weil sie nicht ahnen,

was ihn erwartet.

Noch sind sie blind,

für das, was sein wird.

Und können deshalb auch nicht mit ansehen,

was geschieht.

Flucht vor dem, was ist,

weil das, was in ihren Augen kommen wird,

zu schrecklich ist.

 

 

Scheinbar endgültig.

Aber nur vorläufig.

 

Für Jesus,

weil er weiß,

was er erwarten darf.

 

Nach allem, was er erwarten muss.

 

Ich gehe euch voraus nach Galiläa,

dort werdet ihr mich sehen.

 

Vorläufige Trennung,

weil auf den Abschied

das Wiedersehen folgt.

Jesus: Vertrauen und Hingabe

 

 

Allein.

Kein Freund.

Keine Familie.

Allein,

und doch nicht verlassen.

Wer betet,

hat eine Heimat

jenseits jeden Zuhauses.

 

 

Verzweifelt.

Versuch,

dem drohenden Tod auszuweichen.

Bitten, Flehen, Schreien.

Uns ganz nah, uns gleich.

Weggefährte und Vorbild:

Du schreist, weil du glaubst.

Weil du schreist, glaubst du.

Ein Schrei,

in der Hoffnung, gehört zu werden.

 

 

Und erhört wird.

Antwort des Vaters

in dem Mut,

den Weg zu Ende zu gehen.

 

 

Was für ein Weg.

Aus menschlicher Sicht:

Sackgasse.

Ende eines ernüchternden Lebens:

keine Familie,

kein Partner,

keine Ausbildung,

kein Beruf,

kein Platz im Leben.

 

 

Was für ein Weg.

Bewusst und konsequent gegangen,

gegen jeden Norm.

Seit dieser Nacht

Weggefährte

aller Leidenden.

 

<h1>Und ich?</h1>

 

 

Alle meine Wünsche richte ich auf Gott

und will dann doch nicht wahrhaben,

dass alles dem möglich ist, der glaubt.

 

Ich glaube und hoffe,

und vertraue nicht.

 

Alles erwarten,

kaum etwas für möglich halten.

 

Beten,

dann aber keine Geduld haben

oder dem Gebet nichts mehr zutrauen.

 

Ich glaube,

hilf meinem Unglauben.

 

 

Gnade beginnt in unserer Schwachheit,

wo wir verwundet sind.

Die rettende Liebe wurzelt im Schmerz.

Warum?

Auf diese Frage kennt nur die

Demut eine Antwort.

 

 

 

 

Gebet

 

 

Du gehst deinen Weg bewusst und konsequent zu Ende.

Dazu fehlt uns oft die Kraft.

Dabei wartest du nicht nur am Ende des Weges,

sondern bist unser Weggefährte.

Herr, erbarme dich.

 

 

In der Not bittest du. Flehen, das aus dem Glauben wächst.

Lass auch uns in der Not den Glauben finden, zu dir zu schreien

und auf deine Antwort zu hören.

Christus, erbarme dich.

 

 

Du nimmst dein Kreuz auf dich, gehst deinen Weg.

Das Kreuz steht auch in unserem Leben. Der Weg, den du gehen musstest, steht auch uns bevor. Wir werden Auswege suchen, Umleitungen, bis wir wieder vor dem schweren Weg stehen.

Herr, erbarme dich.

Bild: Jesus – Vertrauen und Hingabe

 

 

Warum? Eine Frage, auf die nur die Demut eine Antwort kennt.

Eine Antwort, die man nicht geben, die man nur leben kann.

Bildbetrachtung

 

 

Hingabe

Ein altes Wort, das vielen nichts mehr sagt.

Antwort der Menschen auf Situationen,

in denen ihnen Gott rätselhaft,

verborgen, gar grausam erscheint.

Situationen, die wir auch kennen:

Anklage an Gott:

Warum?

Frage, die ohne Antwort bleibt.

 

 

Auch Jesus,

im Garten von Gethsemane

krampfhaft an sein Leben klammernd,

der mit Gott,

den er nicht mehr verstehen kann,

von dem er sich verlassen fühlt,

ringt,

fragt: Warum?

 

und beendet sein Gebet mit den Worten:

„Doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“

Er lässt los und findet Halt.

Antwort – nicht zum Aufschreiben,

um gelebt zu werden.

 

Hingabe,

das Gehorchen auf Gottes Wille

ist Jesus

– so glaube ich –

eine Hilfe.

Ich weiß nicht, ob ich das könnte.

Aber wünschen tue ich es mir schon:

Auch im Dunklen, im Schweren,

im Schmerz meines Lebens

den mir jetzt noch rätselhaften, unverständlichen Willen Gottes

zu erkennen und anzunehmen.

 

 

Und beten kann ich darum,

in jedem Vaterunser: „Dein Wille geschehe.“

 

 

„Es ist nicht meine Angelegenheit, an mich zu denken.

Meine Angelegenheit ist es, an Gott zu denken.

Es ist Gottes Sache, an mich zu denken.“ (Simone Weil)

Handlanger: Pflicht und Schuld

 

 

Mit Schwertern und Knüppeln.

Auf alles vorbereitet.

Auf Unruhestifter – sagen sie,

ein Aufwiegler, gefährlich.

 

 

Der Befehl ist klar.

Pflicht ist Pflicht.

Kein Platz für Diskussionen,

keine Zeit für Nachfragen:

Verhaftung, ohne Aufhebens.

 

 

Auf alles vorbereitet.

Nur nicht auf eine Frage:

Wen sucht ihr?

Drei Worte – Sand ins Getriebe,

lassen Soldatenstiefeln stolpern.

 

 

Wen sucht ihr?

Die Handlanger,

die meinen keine Verantwortung

für ihr Tun zu haben

– und vielleicht liegt darin ihre Schuld –

wissen, wen sie suchen,

und wissen es doch nicht.

 

 

Sie verhaften ihre Chance auf Rettung,

und ebnen ihr den Weg.

Sie erfüllen die Pflicht,

auf die die Kür folgen wird.

Nicht jetzt und hier.

 

 

Mit der Verhaftung beginnt der Prozess,

Schauprozess,

dessen Urteil schon vorher feststeht.

Doch der mit der Vollstreckung

des Urteils

noch lange nicht zu Ende ist.

 

<h1>Und ich?</h1>

 

 

Wen sucht ihr?

Die Frage ist bis heute nicht verstummt.

Auch ich

darf mich vor einer Antwort nicht drücken.

 

Wen suche ich?

Die Antwort fällt mir so leicht

wie den Soldaten:

Jesus von Nazareth.

Und wenn er dann vor mir steht?

 

Ich bin es.

Auch dir ausgeliefert.

Gefangener deiner Erwartungen und Hoffnungen.

Gefesselt von deinen Vorstellungen und Wünschen.

Tust du auch nur deine Pflicht

in Gemeinde und Gottesdienst?

Machst nur das, was man dir sagt?

Tradition ist Tradition.

Das gehört sich so!

 

Wen suche ich?

Das Bild meines Kinderglaubens,

den „lieben Gott“, der mir nicht zu nahe tritt

oder den Verratenen,

den Geschlagenen,

den Sterbenden,

der mir Rettung ist?

 

 

 

 

Gebet

 

 

Wir unterwerfen unseren Glauben Gesetzen

und andere werden zu Opfern.

Herr, erbarme dich.

 

 

Wir schauen auf die, die das Sagen haben

und übersehen unsere eigene Verantwortung.

Christus, erbarme dich.

 

 

Zu meinen, wir wären nicht schuldig zu sein,

ist manchmal die größere Schuld.

Herr, erbarme dich.

Bild: Handlanger – Pflicht und Schuld

 

 

Spuren auch unseres Hasses.

Bildbetrachtung

 

 

Die Mannschaft ist komplett angetreten.

Könige verprügeln gefällt.

Spott treiben,

mit denen da oben,

mit denen im Wohlstand.

 

 

Doch wie ein König sieht der nicht aus,

den die Bewaffneten herbeiführen.

Zum Erbarmen.

Zweifel regen sich.

Doch schnell sind sie zerstreut.

Umhang um die Schultern, Stock in die Hand,

eine Dornenkrone.

Lachen erstickt jeden Zweifel.

Die Show kann beginnen.

 

 

Die Mannschaft ist komplett angetreten.

Und mitten unter ihnen?

Wir sitzen nicht in der zweiten Reihe

der Unbeteiligten.

Wir haben nicht das Recht,

mit dem Ausdruck der Entrüstung

das Spektakel der Soldaten zu verurteilen.

 

 

Schauen wir hin:

Gefesselt,

bespuckt,

von Stockschlägen gezeichnet,

mit schmerzverzerrtem Gesicht

unter der Dornenkrone:

 

Spuren unseres Hasses,

unserer Gemeinheiten,

unseres Spottes

gegenüber Menschen

und Gott.

 

(nach Gundula Kühneweg)

Kajaphas und der Hohe Rat:

Recht und Verbohrtheit

 

 

Ein Tod wird vorbereitet.

Die Drahtzieher planten von langer Hand.

Die Zeit der Reden ist vorbei.

das Problem auszusitzen, nicht mehr möglich,

jetzt muss gehandelt werden.

Doch mit List soll es geschehen, nicht auf dem Fest.

Sie taktieren und spinnen Pläne;

am Geld soll es nicht scheitern.

 

 

Nicht aus Willkür,

nein, gute Argumente sind schnell zur Hand.

Rücksicht auf die Römer

Angst um den Tempel

und das Volk –

und vielleicht um die eigene Macht?

 

 

„Besser, wenn einer stirbt,

als dass ein ganzes Volk zugrunde geht.“

Schnell ist das „Dass“ keine Rede mehr wert,

geht es nur noch um das „Wie“.

 

 

Als der Plan gelingt,

hohe Zeit der Feiglinge und Intriganten.

Zum Verhör wagen sich alle aus ihren Verstecken,

zeigen sich gerne an der Seite der scheinbaren Gewinner.

Auf der sicheren Seite,

denn ins Kreuzfeuer des Verhörs wird nur einer geraten.

 

„Aber das ist eure Stunde, jetzt hat die Finsternis die Macht.“

Jesus weiß um die Machtverhältnisse,

auf die die Ohnmächtigen ihre Macht bauen.

 

 

Jetzt die Sache zu Ende bringen.

Meinen die, die das Recht auf ihrer Seite wähnen.

Doch mit ihren falschen Zeugen kommen sie nicht ans Ziel.

Ohne seine Hilfe

hätten sie ihn nicht verurteilen können.

Sein „Ich bin es“

ist der einzig wahre Satz.

 

<h1>Und ich?</h1>

 

 

Rollenspiel Schauprozess.

Mitspieler gesucht.

 

 

Wie wärs mit mir?

Ich könnte Zeuge sein.

Nicht so einer, der lügt.

Einer, der es gut meint mit dem Angeklagten:

Jesus, schau doch, du hast keine Chance

gegen die Macht der Funktionäre

und besorgten Glaubenswächter,

gegen die verängstigten Duckmäuser

und stillen Mitläufer.

Unterwerf dich doch!

 

Oder Verteidiger?

Muss das sein?

An der Seite des Verlierers gegen die öffentliche Meinung.

Die Widersprüche der Anklage liegen offen auf der Hand,

aber muss ich meine Stimme erheben?

Ich könnte ja selbst Schaden nehmen.

 

Oder Zuschauer?

Betroffen, wenn der Vorhang fällt,

aber das Leben geht weiter.

 

 

 

 

Gebet

 

 

Mit offenen Augen gehst du in die Falle,

die Blinde dir gestellt haben.

Öffne uns die Augen, wenn Unrecht geschieht.

Herr, erbarme dich.

 

 

Dir geht es um Gnade und Erlösung.

Das sprengte die Vorstellungskraft deiner Ankläger.

Das können auch wir oft nicht fassen.

Christus, erbarme dich.

 

 

Es ist nicht deine,

es ist unsere Schuld,

wegen der du angeklagt warst.

Herr, erbarme dich.

Bild: Kajaphas und der Hohe Rat – Recht und Verbohrtheit

 

 

 

 

Verbohrt den Himmel vernageln.

Bildbetrachtung

 

 

Die reine Lehre

darf nicht auf die lange Bank geschoben werden.

Da muss auch während des Festes

für Ordnung gesorgt werden.

 

 

Die reine Lehre

verträgt keine Zwischentöne.

Da gibt es nur Ja oder Nein.

Schwarz oder weiß.

 

 

In Zeiten,

wo alles erlaubt scheint,

wo Gesetze gelten,

wenn sie in den Kram passen,

darf man nicht schweigen.

 

 

Doch wer nicht schweigen darf,

darf noch lange nicht

einen anderen zum Schweigen bringen.

 

 

Das Gesetz um des Gesetzes willen,

der „Sabbat um des Sabbats willen“

oder doch:

um des Menschen willen.

 

 

Das, was den Menschen dienen soll,

das die Schwachen

vor der Willkür der Starken schützt,

wenn es zum Brett vor dem Kopf wird,

verstellt es den Blick auf den Menschen.

 

 

Mit dem Brett vor dem Kopf

vernagele ich den Himmel,

denn ich sehe

nur noch meinen Horizont.

Diener: Mitläufer und

Herausforderung

 

 

„Bist du nicht auch einer …“

Seit zweitausend Jahren

Beginn einer Verleumdung,

einer Denunziation.

„Bist du nicht auch einer …“

Da schwingt der ausgestreckte Zeigefinger mit.

 

 

„Als die Magd Petrus bemerkte, sagte sie zu denen, die dabei standen:

Der gehört zu ihnen.“

Verleumdung braucht Publikum.

Zuhörer, Mitwisser.

Mitläufer sind nur in der Gruppe mutig.

Mitläufer sind nie allein,

aber oft der, der zu ihrem Opfer wird.

 

 

„Auf diese Antwort hin schlug einer von den Knechten, der dabeistand,

Jesus ins Gesicht

und sagte: Redest du so mit dem Hohenpriester?“

Vor den Thronen der Mächtigen

wird selbst der Mitläufer mutig,

tritt aus dem Schatten,

damit auch auf ihn

der Glanz der Sieger fällt.

 

 

Auf der sicheren Seite,

wenn nichts mehr riskiert,

nichts verloren,

aber viel gewonnen werden kann,

wird der Mitläufer

zum Mittäter.

 

 

Mitläufer haben ein langes Leben.

Richtungswechsler.

Überlebenskünstler.

Bis heute.

 

<h1>Und ich?</h1>

 

 

„Bist du nicht auch einer …“

Ja, was für einer bin ich denn, wenn der „Schuldige“ benannt wird?

 

 

Juckt mir auch der Zeigefinger,

und sei es nur, damit ich selbst nicht ins Blickfeld gerate?

 

 

Oder ballt sich mir die Faust in der Tasche und verkrampft dort?

Aktivist der Phrasendrescherei.

„Man müsste mal …“ und man sind immer die anderen.

 

 

„Bist du nicht auch einer …“

Was ist, wenn Jesus mich fragt?

Wenn sein Blick auf mich fällt, am warmen Feuer,

in sicherer Entfernung.

 

 

„Bist du nicht auch einer …“

der Getauften,

der Betenden,

meiner Freunde.

 

 

„Warst du nicht auch bei ihm?“,

werde ich gefragt.

„War ich nicht auch bei dir?“,

fragt mich Jesus,

als es dir schlecht ging, als du allein warst, als du zu mir gerufen hast?

 

 

 

 

Gebet

 

 

Es ist nicht wahr, dass wir gegen das Leid der Welt nichts tun können. Wir können auf die sehen, die neben uns leiden. Wenn wir sie wahrnehmen, beginnt Heilung.

Herr, erbarme dich.

 

 

Der großen Treue Gottes steht unsere große Untreue im Großen und Kleinen, im Wachen und Beten, im Kämpfen und Streiten gegenüber.

Christus, erbarme dich.

 

 

Gottes Barmherzigkeit macht treu. Wenn wir täglich von ihr leben, gibt er uns Kraft zu allem, was an Schwerem zu tragen ist.

Herr, erbarme dich.

Bild: Diener – Mitläufer und Herausforderung

 

 

 

 

 

 

 

 

Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen

wenn andere unsere Augen, Ohren und unseren Mund brauchen.

Bildbetrachtung

 

 

Nichts hören,

nichts sehen,

nichts sagen.

Als die drei Affen

sind die Tauben, Blinden, Stummen

berühmt geworden.

An ihnen – habe ich einmal gehört –

wird die Welt zugrunde gehen.

 

 

Den Affen wird Unrecht getan.

 

 

Denn Menschen können hören,

zuhören,

verstehen,

begreifen.

 

 

Denn Menschen können sehen,

hinsehen,

verstehen,

begreifen.

 

 

Bei Menschen kann aus

sehen und hören reden werden,

eintreten,

protestieren,

trösten.

 

 

An Menschen,

die sehen, hören, reden können

und es nicht tun,

wenn andere ihre

Augen, Ohren und ihren Mund brauchen,

aus Angst,

aus Gedankenlosigkeit,

aus Bequemlichkeit,

um ihres eigenen Vorteils willen,

an solchen Menschen, also auch an uns,

kann die Welt

in der Tat,

in der Untat,

in der Nicht-Tat

zugrunde gehen.

Pilatus und Herodes:

Macht und Ohnmacht

 

 

Was ist Wahrheit?

Der, der fragt, Pilatus,

weiß es,

zumindest in dem Prozess,

wo er zu Gericht sitzt.

 

 

Er weiß um den Neid der Hohenpriester,

er weiß um die Unschuld Jesu.

Und er unternimmt einiges,

ihn freizulassen:

 

Ich bin nicht zuständig.

Richtet ihn selbst.

Soll sich Herodes drum kümmern.

Ich finde keine Schuld.

Ich lasse ihn frei.

Ich geißele ihn und lasse ihn frei

und so weiter.

 

 

Er weiß um die Unschuld Jesu,

und er weiß um seine eigene Schuld.

Er fürchtet eine Anklage beim Kaiser,

er will jetzt keinen Ärger, kein Aufsehen,

er gibt Jesus preis,

hat seinen Vorteil im Blick,

nicht die Wahrheit, nicht das Recht.

 

 

Er überantwortet Jesus dem Tod

und schenkt neues Leben.

Er begräbt die Hoffnung

und gibt ihr neue Nahrung.

Die Totengräber

werden zu

Geburtshelfern

wider Willen.

Die Handlanger des Todes

reichen dem Leben

die Hand.

Womit durch das Todesurteil

Schluss sein sollte,

das fängt jetzt erst richtig an.

 

<h1>Und ich?</h1>

 

 

„Welches Urteil sprichst du?“

Pilatus muss sich entscheiden.

Er hat die Macht, die zur Ohnmacht wird.

Jetzt entscheiden

seine Angst, das Karrieredenken.

Wenn er allein mit Jesus wäre …,

wenn ihm keiner auf die Finger schaue …

Pilatus hat viele Fragen, auch Sehnsüchte,

kalt lässt ihn das Schicksal Jesu nicht.

 

 

„Welches Urteil sprichst du?“

Ich erkenne mich in Pilatus wieder.

Auch in mir rumoren Fragen,

nach meiner Beziehung zu Gott,

nach einem Leben aus dem Glauben.

Auch in mir rumoren Fragen – im Verborgenen.

 

 

Doch in der Öffentlichkeit,

in der Familie, am Arbeitsplatz, im Freundeskreis,

leugne ich sie,

will mich nicht lächerlich machen.

 

 

Es ist auch meine Stimme, mit der Pilatus sagt:

„Bringt Jesus hinaus.“

 

 

 

 

Gebet

 

 

Was ist Wahrheit? Die Frage beschäftigt auch uns.

Doch wenn wir sie erkennen, uns die Wahrheit gesagt wird,

wollen wir sie nicht wahrhaben.

Herr, erbarme dich.

 

 

Wider besseres Wissen verurteilen auch wir.

Aus Angst, nicht selbst auf die Anklagebank zu geraten.

Christus, erbarme dich.

 

 

„Bist du ein König?“, fragt Pilatus.

Wir stellen diese Frage nicht mehr.

Ein König grenzt ein, wollen unsere eigenen Herren sein.

Herr, erbarme dich.

Bild: Pilatus und Herodes – Macht und Ohnmacht

 

 

 

 

 

Der meint, seine Hände in Unschuld zu waschen, senkt den Daumen.

Bildbetrachtung

 

 

Der, der seine Hände

meint,

in Unschuld waschen

zu können,

senkt den Daumen.

Geste der Herrscher.

 

 

So etwas hatte Pilatus noch nicht erlebt.

Er kannte Gefangene, die um ihre Freiheit bettelten.

Doch Jesus tritt anders auf.

Statt Unterwürfigkeit oder Zorn

Ruhe und Gelassenheit.

 

 

„Bist du ein König?“,

fragt Pilatus.

Und fragt sich, warum er fragt.

Zusammenfassung der Anklage

oder verborgene Sehnsucht

nach einem wahren Herrscher,

der Tyrannei, Unrecht und Gewalt beendet?

 

 

Doch diese Sehnsucht ist gefährlich,

wenn sich die eigene Stellung

gerade darauf stützt:

Tyrannei, Unrecht, Gewalt.

 

 

Die Sehnsucht muss zum Schweigen gebracht werden

und mit ihr der Mensch, der sie verkörpert:

Daumen runter.

 

 

Und Herodes?

Der hatte um eines Tanzes willen

Johannes köpfen lassen.

Als ihm Jesus

die erhoffte Wunder-Show verweigert,

ist auch sein Urteil schnell gefällt.

Die Menge: Begeisterung und

Verführung

 

 

Alle Macht geht vom Volk aus.

Doch was Unrecht und Machtmissbrauch

verhindern soll,

kehrt sich ins Gegenteil:

Die Macht des Volkes wird

zum Zünglein an der Waage.

Barnabas oder Jesus?

Das Urteil ist eindeutig.

 

 

Was so mächtig erscheint,

ist zugleich so wankelmütig.

Keine 120 Stunden

zwischen „Hosianna“ und „Kreuzige ihn“,

zwischen Begeisterung und Hass.

Was ist geschehen?

 

 

Die Evangelien sprechen von Verführung.

Die Stimmungsmacher,

die Einflüsterer

sind am Werk.

 

 

Ihre Saat geht auf.

Doch warum haben es die Vereinfacher,

die Schwarz-weiß-Maler

so einfach,

nicht nur vor zweitausend Jahren,

sondern seit zweitausend Jahren?

 

 

Was schlummert in den Menschen

und bricht immer wieder aus,

wenn es heißt:

Urteile fällen,

Sündenböcke benennen,

andere fertig machen?

 

 

…und Mitleid, Rücksichtnahme, Liebe

keine Stimme

mehr haben …

 

<h1>Und ich?</h1>

 

 

So bin ich nicht.

So wankelmütig. Unkalkulierbar.

 

 

Stimmt, so bin ich nicht.

Die Menge des Palmsonntags

konnte sich noch für Jesu begeistern.

Kann ich das auch noch?

 

 

Nie käme mir ein „Kreuzige ihn“

über die Lippen.

 

 

Doch welche Rolle spielt

sein Kreuz

noch in meinem Leben?

Ist es mir peinlich

oder eine Torheit, zu der ich mich bekenne,

weil in ihr das Leben ist?

 

 

Ich bin nicht verführbar.

Nicht zum Bösen.

Und zum Guten?

Verführbar zur Liebe?

Zum Mitleiden?

 

 

 

 

Gebet

 

 

Das Urteil ist gefällt.

Die Tat der Richter ist vollbracht.

Die Nacht neigt sich dem Ende, dein dunkler Weg beginnt.

Herr, erbarme dich.

 

 

Der anbrechende Morgen wirft ein düsteres Licht.

Noch einmal erhebt sich der Tod

mit ganzer Gewalt.

Christus, erbarme dich.

 

 

Doch auf diesen Morgen

wird nach langer Nacht

ein neuer Morgen folgen.

Herr, erbarme dich.

Bild: Die Menge – Begeisterung und Verführung

 

 

Seit dieser Nacht brauchen wir keine Fäden mehr,

die uns halten.

Bildbetrachtung

 

 

Ganz zaghaft zupft er an seine Fäden.

Anstatt sie mit Gewalt loszureißen.

Wer soll das verstehen?

Wer ist denn schon gerne eine Marionette?

 

 

Oder sind diese Fäden

mehr für ihn, für uns.

Gar nicht so übel,

weil sie mich halten?

Halt geben, wie eine Rolle,

in die ich schlüpfen kann.

 

 

In dieser Nacht,

sind uns viele begegnet,

in deren Rollen wir schlüpfen.

Bewusst, und auch unbewusst:

 

 

Die Gemeinschaft,

Petrus und Judas,

Jakobus und Johannes,

Jesus,

die Handlanger und Richter,

die Mitläufer und die Mächtigen.

 

 

Rollen, in die wir schlüpfen,

in denen wir uns einrichten,

weil sie uns Halt geben.

 

 

Doch diese Nacht ist kein Rollenspiel,

wir brauchen keine Fäden,

die uns tanzen lassen

und in die wir uns fallen lassen,

seit dieser Nacht

ist es Jesus, der uns allen Halt geben möchte,

den wir im Leben brauchen.

Weil er mit uns leidet,

weil er mit uns stirbt.

Seit dieser Nacht

gibt es keinen von Gott verlassenen Ort mehr,

seit dieser Nacht, muss niemand mehr allein sein.

 

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Todestag Bonhoeffers am Gründonnerstag

Die andere Predigt

Thematisch zum 75. Todestag von Dietrich Bonhoeffer, der 2020 auf den
Gründonnerstag fällt

 

Wie können wir glaubwürdig von Gott reden? Diese Frage trieb den evangelischen Christen im Widerstand um. Der Gründonnerstag gibt eine wegweisende Antwort.

Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße. Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe. Wer Tischgemeinschaft mit dem Herrn hat, soll in seiner Nachfolge den Menschen die Füße waschen, nicht den Kopf!

 

Die drei österlichen Tage vom Leiden, Sterben und von der Auferstehung Christi sind eröffnet. Was da gefeiert wird, ist kaum zu glauben – immer schon und erst recht heute. Ein Leben ohne Gott, ohne Glaube, ohne Bezug zu Christus scheint für die allermeisten völlig normal zu sein. Dass es so kommt, hat der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer in den letzten Tagen des 2. Weltkrieges vorausgesehen. Heute vor 75 Jahren, am 9. April 1945, wurde er hingerichtet. Dass Europa einer völlig religionslosen Zeit entgegengeht, damit dürfen sich Christen nie abfinden, notiert er 1944 im Gefängnis in Berlin-Tegel. Sie müssten mit Gott unter der Gottvergessenheit der Menschen leiden. Dazu habe Jesus seine Jünger angefleht, als er am Ölberg zu ringen hatte.

 

Weltlich“ leben und „weltlich“ von Gott reden

Getsemani, schreibt Bonhoeffer (Brief vom 18.07.1944), „das ist die Umkehrung von allem, was der religiöse Mensch von Gott erwartet“. Statt Trost und Halt zu bekommen, wird er „aufgerufen, das Leiden Gottes an der gottlosen Welt mitzuleiden. Er muss also wirklich in der gottlosen Welt leben und darf nicht den Versuch machen, ihre Gottlosigkeit irgendwie religiös zu verdecken, zu verklären“. Nicht in spirituellen Erlebnissen, nein, in der Diesseitigkeit des Lebens gilt es Gott zu suchen. Sein Name ist Jahwe, „Ich-bin-da“. Wie in einem Wimmelbuch ist Gott auf jeder Seite zu finden – für den, der geduldig sucht. Der jenseitige Gott ist mitten im Diesseits zu entdecken – und auch für andere aufzudecken.

 

Das war die „Kunst“ Jesu, für die er von den einen geliebt und von den anderen angefeindet und gehasst wurde. Abgeschriebenen Kranken, Verachteten und solchen, mit denen man nicht einmal redet, hat er zeigen können, wie sehr gerade sie Gott am Herzen liegen. Für „Saubermänner“ war das blanke Gotteslästerung. So tief beugt sich Gott niemals herab, waren sie überzeugt, und meinten, Gottes Ehre schützen zu müssen vor diesem Wanderprediger. Und heute beugt sich Jesus ganz tief und säubert unten am Boden die Füße seiner Tischgenossen. Das geht nicht nur Schriftgelehrten zu weit, da zuckt auch Petrus zurück: Niemals sollst du mir die Füße waschen! Jesus aber meint es ernst – und dreht das Rad noch weiter: Ein Beispiel habe ich euch gegeben – damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.

 

Wer so lebt und liebt, ist fähig zur Zivilcourage, zum Widerstand aus dem Glauben. Das ist abzulesen am Leben Jesu und vieler seiner Zeugen. Sie zeigen: Biblische Begriffe sind voller Lebenskraft, wenn sie „weltlich“ gelebt, statt in einen religiösen Nebel gehoben werden. Christen müssen so von Gott reden, dass ihn auch ein säkularer Mensch entdecken könnte, notiert der Gefangene im bayerischen KZ Flossenbürg. Anfang April 1945 wird es noch einen Monat dauern, bis das nationalsozialistische Deutschland endlich zusammenbricht. Vorher aber muss so einer wie Dietrich Bonhoeffer noch weg: Ein eilig einberufenes Standgericht fällt das Todesurteil. Dietrich Bonhoeffer wird im KZ des bayerischen Flossenbürg erhängt, einer der letzten Widerstandskämpfer des Terrorregimes.

 

Bonhoeffer erlebte sich nicht als Heiligen. Mal erfährt er sich als souverän und mutig, mal als äußerst unvollkommen, ängstlich, wenig ganzheitlich. Wie sehr er rein verstandesmäßig mit dem Leben zurechtkommen möchte, wird ihm in der Beziehung zu seiner 18 Jahre jüngeren Verlobten bewusst und noch mehr in der gewaltsamen Trennung von ihr. Seine Sehnsucht nach Leben, Freiheit und Ganzheitlichkeit bricht auf. 39 Jahre ist er alt, als er hingerichtet wird. Mit seinem hellen Verstand erkannte der Pfarrer, Dozent und Widerstandskämpfer schon 1933 den Ernst der Lage, als Adolf Hitler die Macht übernahm und eine erste Welle staatlichen Terrors gegen Juden einsetzte: Für die Kirche könnte es notwendig werden, nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad in die Speichen zu fallen. Bedenkenswert auch heute.

 

Ein Beispiel habe ich euch gegeben …“

Was Bonhoeffer kommen sah, erleben wir Christen in der Mitte Europas heute: dass Gott eine leere Formel geworden ist, ein Begriff, der Leben einschränkt, der rückwärtsgewandt und folglich zu überwinden ist. Wie rede ich von Gott? Was tue ich in seinem Namen? Ist mein persönliches Glaubenszeugnis greifbar? Wie glaubwürdig sind wir als Kirche? Was bewirken wir mit unserem Reden und Tun eher: dass Menschen eine Tür zum biblischen Gottesglauben finden oder dass diese Tür zugeht?

 

Ein Beispiel habe ich euch gegeben, sagt Jesus und macht die Tür ganz weit auf. Spielen wir also nicht Fußwaschung, sondern leisten wir sie. Spielen wir nicht Ölbergnacht, sondern versuchen wir, die Fremdheit Gottes auszuhalten, ihn zu suchen. Heute und im Alltag.

 

Heinz-Willi Rivert SAC

Die Feier der Heiligen Woche

Liebe Gemeindemitglieder, liebe Leserin und Leser unserer Homepage,

 

 

 

mit dieser Mitteilung möchten wir Sie auf die Feier der Heiligen Woche einstimmen. Mit den verschiedenen Angeboten auf unserer Homepage, mit Gebeten und Einladung für die persönliche Feier, in Familie und Hauskirche laden wir Sie ein, trotz der derzeitigen starken Beschränkungen, im Gebet zusammen zu stehen und geistlich  auch als Gemeinde zusammen zu stehen. Die Glocken der Basilika in Ochsenhausen rufen am Sonntag um 10.00 Uhr zum Gebet und täglich um 19.00 Uhr.

 

 

 

Wir weisen Sie auch auf die geplanten Livestream Übertragungen hin:

 

Link der Seelsorgeeinheit St. Benedikt:

 

 

 

www.st-benedikt-ochsenhausen.de

 

 

 

 

 

Karfreitag, 15.00 Uhr Ökumenische Feier (Aufzeichnung vom Vormittag, Basilika) mit PR Bisch und Pfarrer Schwarz