Geistliches Wort, Schwäbische Zeitung, 16.02.2019

Samstag vor dem 3. Sonntag vor der Passionszeit

Bezug: Wochenspruch für den 3. Sonntag vor der Passionszeit, Septuagesimae

„Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit“ (Daniel 9,18)

Verfasser: Pfarrer Jörg Martin Schwarz, Ev. Pfarramt Ochsenhausen, Poststr. 48, 88416 Ochsenhausen,

joerg-martin.schwarz@elkw.de

 

Die Zeichen deuten

Im Nachhinein war es natürlich kein Tag wie jeder andere. Als er zur Bürotür hineinkam, lag ein Zettel auf seinem Schreibtisch: Bitte um Rückruf mit einer ihm wohlbekannten Nummer. Ein Blick zurück durch die offene Tür, aber seine Sekretärin schaute recht vieldeutig und zuckte nur mit den Achseln.

Der Termin war gleich vereinbart. „Sie wissen ja“, kam sein Chef gleich zur Sache, „dass ich stichprobenhaft immer wieder die Abteilungen überprüfen lasse.“ Er lehnte sich etwas zurück, um dann süffisant hinzuzufügen: „Das mache ich bei allen. In Ihrem Fall habe ich das Ganze an die umgehend an die Geschäftsleitung weitergegeben. Sie hören dann von denen.“

Er wollte seinem Chef noch fragen, wieso er ihn nicht darauf offen angesprochen habe und warum er ihm keine Gelegenheit gab, dazu Stellung zu nehmen. Aber er kannte ihn, als einen selbstgerechten Moralisten, der keine Menschlichkeit erkennen ließ.

Ein Chaos an Gedanken und Gefühlen überflutete ihn, immer wieder versuchte er in der Vergangenheit einen Ansatzpunkt zu finden. Hatte er etwas falsch gemacht, wird man ihn beschuldigen – er wusste es selbst nicht. Am nächsten Morgen war die Mitteilung der Geschäftsleitung da, in der man fragte, drängte, suchte…,

Zuhause konnte er nicht mehr abschalten, immer wieder die Gedanken, das Grübeln. Seine Familie stand zu ihm, die Mitarbeiter seiner Abteilung ebenfalls, schenkten ihm ihr Vertrauen, versuchten zu ermutigen, stundenweise und gleichzeitig waren da Projekte fertigzustellen, Fristen einzuhalten, der Druck kaum auszuhalten. Abschalten am Wochenende oder in der Freizeit nicht mehr möglich. Würde man ihn beschuldigen, oder entlasten können? Er war am Boden.

In welcher Haltung konnte er da noch beten? Die Hände falten? Knien in einer Bank? Aufrecht stehen, den Blick zum Himmel und die Hände erheben? Nein. Unmöglich. Es gab nur eine Haltung, die ausdrückte, was er fühlte: „Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit“.

„ Daniel, Daniel….“ so hatte er auch einmal ein einem Gedicht von Nelly Sachs gelesen, der sollte die Zeichen deuten, und stand doch selber zwischen Traum und Alptraum. Ratlosigkeit und Sorge durchzogen die Bilder des Daniel-Buches in der Bibel: Menschen, die vor der Grausamkeit der Mächtigen eine Zuflucht suchen und hoffen, nicht aus Gottes Hand zu fallen.

Bei einem Geschäftsessen erzählte er Alles einem Kollegen, der gab ihm umgehend die Telefonnummer einer Rechtsanwaltskanzlei, die, als er seinen Fall schilderte auch sofort einen Termin für ihn hatte.

Mit gemischten Gefühlen machte er sich dorthin auf. Zwei Anwälte hatten den Sachverhalt bereits aufgrund der Unterlagen, die er zur Verfügung stellen konnte, aufbereitet. Das Wort stand plötzlich im Raum: Mobbing. Typischerweise ein Anschwärzen bei Anderen, und zwar hinter dem Rücken des Betroffenen, Ausdruck von Niedertracht und Boshaftigkeit – der Betroffene hat keine Möglichkeit sich zu wehren.

Danach ging Alles sehr schnell. Die Nachricht der Geschäftsleitung war so kurz wie unmissverständlich. Als er zur Abteilungsleiterbesprechung kam, schüttelte der Chef ihm demonstrativ vor allen anderen die Hand. Gedemütigt ja, aber auch wieder aufgerichtet? Freigesprochen sozusagen, aber auch wirklich frei?

Er hatte, wie Daniel, erfahren wie das ist, wenn die Welt für einen persönlich aus den Fugen gerät. Und dennoch: Er hatte sich bei Gott aufgehoben gewusst.

 

Die neue Perikopenordnung

 

Über welchen Bibeltext die Pfarrerin am Sonntag predigt, welchen Wochenspruch der Pfarrer an den

Anfang der Liturgie stellt, welches Lied nach der Schriftlesung gesungen wird — all dies bestimmen in

der Regel nicht diejenigen, die den Gottesdienst gestalten. Bei der Auswahl dieser Texte orientieren

sie sich an der jeweils gültigen Perikopenordnung (der biblische Predigttext wird auch „Perikope"

genannt). Die Tradition der Perikopenordnungen kennen wir schon aus dem vorchristlichen

Synagogengottesdienst. Die entstehenden christlichen Kirchen haben diesen Brauch übernommen.

 

Im Laufe der Kirchengeschichte wurden die Perikopenordnungen des Öfteren verändert. Seit dem 19.

Jahrhundert gibt es sechs verschiedene Perikopenreihen, die jeweils mit dem ersten Advent

beginnen und nacheinander in der Reihe sind. Die Reihe I umfasst Evangelientexte, die Reihe II

Episteltexte (neutestamentliche Briefe), die Reihen III-VI diese und andere biblische Bücher. Ein

bestimmter Bibeltext wird also nur alle sechs Jahre gepredigt.

 

Im Bereich der Evangelischen Kirche in Deutschland gilt ab dem ersten Advent 2018 eine neue

Perikopenordnung, die in den bisherigen Textbestand maßvoll eingreift. Die württembergische

Landeskirche schließt sich zunächst für ein Jahr dieser neuen Regelung an. Vermutlich wird in diesem

ersten Jahr noch erarbeitet, welche württembergischen Akzente zusätzlich gesetzt werden sollen und

in welcher Form die neue Ordnung dann auch für uns gilt. Ab dem ersten Advent verändern sich also

auch bei uns die Gottesdienste. Was wird anders? Worauf können wir uns freuen?

 

Eine große Veränderung ist die "Durchmischung" der bisherigen Predigtreihen. Es werden also nicht

mehr wie  bislang im ersten der sechs Jahre nur Evangelientexte gepredigt, im zweiten Jahr dann

Episteltexte usw. Ein Predigtjahr wird von jetzt ab bei den Texten abwechseln: An einem Sonntag

kommt ein Evangelientext an die Reihe, am nächsten ein Episteltext und dann ein alttestamentlicher

Text. Es wird abwechslungsreicher. Man hat hier besonders an die Konfirmanden/innen gedacht.

Während  des einen Jahres, das sie häufiger in den Gottesdienst kommen, sollen sie möglichst die

Vielfalt der Bibel hören.

 

Wer mitgerechnet  hat, weiß nun, dass rund ein Drittel aller Texte aus dem Alten Testament

stammen.  Dafür wurde ihr Anteil verdoppelt. Im Hintergrund steht die Neuentdeckung der

Bedeutung des Alten Testaments in den letzten Jahrzehnten durch die christliche Theologie. Jetzt soll

im Gottesdienst verstärkt der eigenen Stimme des Alten Testaments Raum gegeben werden. Hierbei

spielt auch das christliche Gespräch mit dem Judentum eine Rolle. Das Neue Testament ist im alten

verankert. Ohne dieses hinge die Christusgeschichte in der Luft. Es ist nötig, um das Christuszeugnis

als biblisches Gotteszeugnis zu hören.

 

Neu wird es auch bei den Wochenliedern. Künftig gibt es pro Sonntag zwei Wochenlieder, ein älteres

und ein neueres. Dazu wird es ein neues Liederbuch geben, das das bisherige Gesangbuch ergänzt

(„Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder PLUS").

 

An einer Stelle wird auch das Kirchenjahr neu strukturiert. Mit dem 2. Februar (Mariä Lichtmess)

endet künftig fest die Epiphaniaszeit. Am 3. Februar beginnt die Vorpassionszeit. Die Sonntage nach

dem 2.2. werden künftig als „5. bzw. 4. Sonntag vor der Passionszeit" bezeichnet. Dann folgen

Septuagesimä, Sexagesimä, Estomihi, lnvokavit usw.

 

Der Zehnte  Sonntag nach Trinitatis (Israelsonntag) hat nun zwei Ausrichtungen zur Auswahl.

Entweder  kann er als Gedenktag der Tempelzerstörung (liturgische Farbe: violett) oder mit der

Thematik  Kirche und Israel (liturgische Farbe: grün) gefeiert werden.

 

Wer  neugierig geworden ist auf die vielen neuen Akzente, die uns in unseren Gottesdiensten

erwarten, kann sich hier ausführlicher informieren: www.fachstelle-

gottesdienst.degottesdienst-in-wuerttemberg/perikopenrevision-2018/

 

                                                          Evelina Volkmann, Fachstelle Gottesdienst