Weihnachten kennen

Weihnachten kennen Wie kommt es, dass Menschen offenbar Weihnachten nie genug kennen? „Die alte Geschichte braucht ihr mir nicht zu erzählen, die kenne ich schon.“ Das sagt wohl kaum jemand. Was ist Weihnachten? Eine Tradition, ein bisschen Rührseligkeit, Mal-was-Anderes, „Es ist eben so eine alte Sitte“.

Ich glaube, diese Antworten reichen nicht aus. Da ist noch irgendetwas, das sich nicht beschreiben lässt, etwas Tieferes. Vielleicht wird es angerührt durch den Lichterbaum, durch „Alle Jahre wieder“ oder „Stille Nacht“. Die Geschenke sind ein Zeichen dafür; mag sein. Grüße und Glückwünsche wollen es ausdrücken. Aber so richtig in Worte gefasst werden kann es nicht. Ja, es stimmt: Viele kennen Weihnachten sehr gut. Und auch wer am Heiligabend zum ersten Mal zuhört, wird sehr bald wissen, was es zu wissen gibt über Weihnachten. Aber kennen, wirklich kennen …? Vielleicht ist das überhaupt Weihnachten: Kennen – und doch nicht kennen.

Sie gehört zu den Alten der Gemeinde. An die 80 Weihnachtsfeste hat sie erlebt. Sie kennt alle Lieder, braucht kaum einen Blick auf das Liedblatt in der Christvesper zu werfen. „Weihnachten ist schön. Die Kinder und Enkel kommen. Ich freue mich auf die Gemeinschaft. Vielleicht gelingt es, nicht zu streiten; vielleicht verstehen sich die Geschwister – gerade heute. Wenigstens heute, wer weiß …?“ Weihnachten kennen – und doch nicht kennen.

Er weiß genau Bescheid. Mit seinen vier Jahren hat er so viele Fragen gehabt. Und im Kindergarten war natürlich schon der Weihnachtsmann, brachte Geschenke. Was es sonst noch alles geben wird? Warum es überhaupt zu Weihnachten Geschenke gibt? Der Weihnachtsmann – die Eltern … Ob sie wohl Zeit für mich haben, mit mir spielen werden? Morgen schimpft Mutti gar nicht mehr mit mir … Wär’ das schön!“… Weihnachten kennen …

„Ich möchte es einfach mal kennenlernen.“ So sagt sie. 16 Jahre alt. Und sie begleitet die Freundin in die Kirche. Wirkt das schon, reicht das schon, um Weihnachten zu kennen? Die alten Lieder, manche waren im Fernsehen zu hören … Die Worte und Bilder von früher, diese Geschichte … „Ich müsste fragen können, vielleicht wieder fragen lernen, nicht bloß zuhören, dabeisitzen, sondern fragen lernen. Vielleicht gelingt mir das, ganz neu?“ Kennen – und doch nicht kennen.

Anfang 50 ist er. Schon oder erst? Er trägt Verantwortung, ist geachtet in seinem Beruf, engagiert sich für so manches. Die Familie ist wieder kleiner geworden. Die Kinder sind aus dem Haus. Und nun war auch schon die Silberhochzeit. Schon – oder erst … Dieser Weihnachtsabend, was da alles anklingt! Eigentlich weiß er sehr gut, worum es geht. Oder doch nicht. „Gibt es etwas, das sich durch Geld und Geschenke überhaupt nicht ausdrücken lässt? Etwas, das mehr ist, größer, wahrer … Geht mir mit solchen Worten wie Liebe. Das ist doch viel zu klein. Oder zu groß.“ Weihnachten kennen – und doch nicht kennen.

In vielen Christvespern wird am Heiligabend über ein Bibelwort aus dem Johannesevangelium gepredigt, ein Wort des erwachsenen Jesus: „Ihr kennt mich … Es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt. Ich aber kenne ihn.“ (Johannes 7,28-29) 
Die christliche Gemeinde sagt damit von Jesus: Ihn kennen heißt, sich auf Weihnachten einlassen. Ihn kennen lässt den erleben, der „ihn gesandt hat“. Gott, die Liebe, kommt in Jesus den Menschen nahe. Ihn kennen heißt aber auch: das Neue erwarten, das Wahrhaftige. In Jesu Namen können damals wie heute Menschen ihren Lebensweg gehen. Die ganz Alten zeigen uns das, die ihre Hoffnung zu Weihnachten auf Verstehen und Gemeinschaft richten. Und die ganz Jungen sind dazu eingeladen mit ihren Fragen und Wünschen und Zweifeln. Dazwischen können sich wohl alle wiederfinden. 
Es stimmt: Weihnachten stellt keine heile Welt her. Durch Jesus und seine Geburt werden nicht automatisch die Probleme dieser Welt gelöst. Aber Weihnachten will helfen, offen zu sein, offen für das Neue. Es kann Hoffnung wecken, dass noch nicht alles „fertig“ ist. Weihnachten lässt Möglichkeiten entdecken, in dieser Welt tätig zu werden – dort, wo es so vertraut fern erscheint, und auch da, wo die vermeintliche Nähe mir manchmal ganz fremd vorkommt. 
Weihnachten kennen – und doch nicht kennen. Weihnachten lädt ein, offen zu sein, offen zu werden, noch nicht mit allem fertig zu sein, neu hoffen zu lernen. Wäre das nicht eine gute Sache – gerade zu Weihnachten?

( Andreas Werner)

Die neue Perikopenordnung

 

Über welchen Bibeltext die Pfarrerin am Sonntag predigt, welchen Wochenspruch der Pfarrer an den

Anfang der Liturgie stellt, welches Lied nach der Schriftlesung gesungen wird — all dies bestimmen in

der Regel nicht diejenigen, die den Gottesdienst gestalten. Bei der Auswahl dieser Texte orientieren

sie sich an der jeweils gültigen Perikopenordnung (der biblische Predigttext wird auch „Perikope"

genannt). Die Tradition der Perikopenordnungen kennen wir schon aus dem vorchristlichen

Synagogengottesdienst. Die entstehenden christlichen Kirchen haben diesen Brauch übernommen.

 

Im Laufe der Kirchengeschichte wurden die Perikopenordnungen des Öfteren verändert. Seit dem 19.

Jahrhundert gibt es sechs verschiedene Perikopenreihen, die jeweils mit dem ersten Advent

beginnen und nacheinander in der Reihe sind. Die Reihe I umfasst Evangelientexte, die Reihe II

Episteltexte (neutestamentliche Briefe), die Reihen III-VI diese und andere biblische Bücher. Ein

bestimmter Bibeltext wird also nur alle sechs Jahre gepredigt.

 

Im Bereich der Evangelischen Kirche in Deutschland gilt ab dem ersten Advent 2018 eine neue

Perikopenordnung, die in den bisherigen Textbestand maßvoll eingreift. Die württembergische

Landeskirche schließt sich zunächst für ein Jahr dieser neuen Regelung an. Vermutlich wird in diesem

ersten Jahr noch erarbeitet, welche württembergischen Akzente zusätzlich gesetzt werden sollen und

in welcher Form die neue Ordnung dann auch für uns gilt. Ab dem ersten Advent verändern sich also

auch bei uns die Gottesdienste. Was wird anders? Worauf können wir uns freuen?

 

Eine große Veränderung ist die "Durchmischung" der bisherigen Predigtreihen. Es werden also nicht

mehr wie  bislang im ersten der sechs Jahre nur Evangelientexte gepredigt, im zweiten Jahr dann

Episteltexte usw. Ein Predigtjahr wird von jetzt ab bei den Texten abwechseln: An einem Sonntag

kommt ein Evangelientext an die Reihe, am nächsten ein Episteltext und dann ein alttestamentlicher

Text. Es wird abwechslungsreicher. Man hat hier besonders an die Konfirmanden/innen gedacht.

Während  des einen Jahres, das sie häufiger in den Gottesdienst kommen, sollen sie möglichst die

Vielfalt der Bibel hören.

 

Wer mitgerechnet  hat, weiß nun, dass rund ein Drittel aller Texte aus dem Alten Testament

stammen.  Dafür wurde ihr Anteil verdoppelt. Im Hintergrund steht die Neuentdeckung der

Bedeutung des Alten Testaments in den letzten Jahrzehnten durch die christliche Theologie. Jetzt soll

im Gottesdienst verstärkt der eigenen Stimme des Alten Testaments Raum gegeben werden. Hierbei

spielt auch das christliche Gespräch mit dem Judentum eine Rolle. Das Neue Testament ist im alten

verankert. Ohne dieses hinge die Christusgeschichte in der Luft. Es ist nötig, um das Christuszeugnis

als biblisches Gotteszeugnis zu hören.

 

Neu wird es auch bei den Wochenliedern. Künftig gibt es pro Sonntag zwei Wochenlieder, ein älteres

und ein neueres. Dazu wird es ein neues Liederbuch geben, das das bisherige Gesangbuch ergänzt

(„Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder PLUS").

 

An einer Stelle wird auch das Kirchenjahr neu strukturiert. Mit dem 2. Februar (Mariä Lichtmess)

endet künftig fest die Epiphaniaszeit. Am 3. Februar beginnt die Vorpassionszeit. Die Sonntage nach

dem 2.2. werden künftig als „5. bzw. 4. Sonntag vor der Passionszeit" bezeichnet. Dann folgen

Septuagesimä, Sexagesimä, Estomihi, lnvokavit usw.

 

Der Zehnte  Sonntag nach Trinitatis (Israelsonntag) hat nun zwei Ausrichtungen zur Auswahl.

Entweder  kann er als Gedenktag der Tempelzerstörung (liturgische Farbe: violett) oder mit der

Thematik  Kirche und Israel (liturgische Farbe: grün) gefeiert werden.

 

Wer  neugierig geworden ist auf die vielen neuen Akzente, die uns in unseren Gottesdiensten

erwarten, kann sich hier ausführlicher informieren: www.fachstelle-

gottesdienst.degottesdienst-in-wuerttemberg/perikopenrevision-2018/

 

                                                          Evelina Volkmann, Fachstelle Gottesdienst