Geistliches Wort, Schwäbische Zeitung, 18.01.2020

 

 

Geistliches Wort, Schwäbische Zeitung, Ausgabe 18. 1. 2020

 

Verfasser: Pfarrer Jörg Martin Schwarz, Ev. Pfarramt, Poststr. 48, 88416 Ochsenhausen, Telefon 07352/ 2455, mail: joerg-martin.schwarz@elkw.de

Text:  Wochenspruch aus Johannes 1, 16  „ Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade“

 

 

 

 

 

Gnade um Gnade

 

 

 

Dass wir unser Leben in Freude gestalten, auch wenn uns nicht danach zumute ist, die Freude des Evangeliums wirklich erfahren und daraus Hoffnung und Mut schöpfen zu einem gelingenden Leben – so wäre der Charakter des vor uns liegenden Sonntags zu umschreiben.

 

Vor Kurzem las ich in einer Lebensbeschreibung Abraham Lincolns. Seine Mutter starb, als er neun Jahre alt war. Er wurde als Kind von einem Pferd an den Kopf getreten und ist einmal beinahe ertrunken.

 

Er erkrankte an Malaria, an Syphilis und Pocken. Als er 21 Jahre war scheiterte er mit seiner Geschäftsidee.  Mit 23 Jahren bewarb er sich um ein politisches Amt, verlor seine Stelle und wurde von der juristischen Fakultät abgelehnt. Im selben Jahr startete er mit geliehenem Geld eine neuen Geschäftsidee, war jedoch ein Jahr später schon wieder bankrott.

 

Mit 26 Jahren war er auf dem besten Weg zu heiraten, aber seine Verlobte starb unerwartet. Kurz danach starb seine einzige Schwester.

 

Trotz alledem wurde Abraham Lincoln zum 16. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt. Er fasste seine Erfahrungen einmal so zusammen, dass er mit Enttäuschungen über Jahre viel zu vertraut sei, als dass er  im Einzelfall noch besonders traurig darüber sein könne.

 

So wird er gerne zitiert mit den Worten: Alles geht vorüber- Wie unterschiedlich ist doch die Bedeutung dieses Satzes! In einer glücklichen Stunde wirkt er ernüchternd, angesichts von Kummer und Schmerz hingegen tröstlich.

 

Für ihn waren Rückschläge und Enttäuschungen eher ein Ansporn für noch mehr Sorgfalt und Disziplin. Und er hatte doch auch den nötigen Abstand zu sich selbst, wenn er sagen konnte: Halte dir jeden Tag dreißig Minuten für deine Sorgen frei, und in dieser Zeit mache ein Nickerchen.

 

Lincoln war mit der Bibel vertraut und zitierte sie oft. Auch wenn er nie direkt  ein klares Bekenntnis zum christlichen Glauben abgegeben hat, so glaubte er doch an einen allmächtigen Gott, der den Lauf der Geschichte beeinflusse, als  Schöpfer des Himmels und der Erde und setzte sich deshalb insbesondere für die Menschenrechte und auch die Rechte der Tiere ein.

 

Es ist offensichtlich nicht entscheidend, was uns Alles im Leben zustößt, sondern wie wir damit umgehen lernen, was wir daraus machen.  Jeder und jede von uns kennt sicherlich schmerzliche Erfahrungen im Leben, auf die wir gerne verzichtet hätten und die uns erschienen, als könnte uns Freude am Leben nie mehr erreichen. Und dennoch sind wir dadurch diejenigen geworden, die wir heute sind.

 

Johannes, der Evangelist, sagt im 1. Kapitel seines Evangeliums: „Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.“ Er meint damit die Gnade Gottes, eine Fülle, die nicht enden will und immer wieder Gnade. Aus dieser Gnade leben wir und glauben wir. Ausgestattet mit dieser Gnade sind wir unterwegs in dieser Welt. Mit dieser Gnade sind wir in der Lage Licht zu den Menschen zu bringen, die sie dringend benötigen.

Die neue Perikopenordnung

 

Über welchen Bibeltext die Pfarrerin am Sonntag predigt, welchen Wochenspruch der Pfarrer an den

Anfang der Liturgie stellt, welches Lied nach der Schriftlesung gesungen wird — all dies bestimmen in

der Regel nicht diejenigen, die den Gottesdienst gestalten. Bei der Auswahl dieser Texte orientieren

sie sich an der jeweils gültigen Perikopenordnung (der biblische Predigttext wird auch „Perikope"

genannt). Die Tradition der Perikopenordnungen kennen wir schon aus dem vorchristlichen

Synagogengottesdienst. Die entstehenden christlichen Kirchen haben diesen Brauch übernommen.

 

Im Laufe der Kirchengeschichte wurden die Perikopenordnungen des Öfteren verändert. Seit dem 19.

Jahrhundert gibt es sechs verschiedene Perikopenreihen, die jeweils mit dem ersten Advent

beginnen und nacheinander in der Reihe sind. Die Reihe I umfasst Evangelientexte, die Reihe II

Episteltexte (neutestamentliche Briefe), die Reihen III-VI diese und andere biblische Bücher. Ein

bestimmter Bibeltext wird also nur alle sechs Jahre gepredigt.

 

Im Bereich der Evangelischen Kirche in Deutschland gilt ab dem ersten Advent 2018 eine neue

Perikopenordnung, die in den bisherigen Textbestand maßvoll eingreift. Die württembergische

Landeskirche schließt sich zunächst für ein Jahr dieser neuen Regelung an. Vermutlich wird in diesem

ersten Jahr noch erarbeitet, welche württembergischen Akzente zusätzlich gesetzt werden sollen und

in welcher Form die neue Ordnung dann auch für uns gilt. Ab dem ersten Advent verändern sich also

auch bei uns die Gottesdienste. Was wird anders? Worauf können wir uns freuen?

 

Eine große Veränderung ist die "Durchmischung" der bisherigen Predigtreihen. Es werden also nicht

mehr wie  bislang im ersten der sechs Jahre nur Evangelientexte gepredigt, im zweiten Jahr dann

Episteltexte usw. Ein Predigtjahr wird von jetzt ab bei den Texten abwechseln: An einem Sonntag

kommt ein Evangelientext an die Reihe, am nächsten ein Episteltext und dann ein alttestamentlicher

Text. Es wird abwechslungsreicher. Man hat hier besonders an die Konfirmanden/innen gedacht.

Während  des einen Jahres, das sie häufiger in den Gottesdienst kommen, sollen sie möglichst die

Vielfalt der Bibel hören.

 

Wer mitgerechnet  hat, weiß nun, dass rund ein Drittel aller Texte aus dem Alten Testament

stammen.  Dafür wurde ihr Anteil verdoppelt. Im Hintergrund steht die Neuentdeckung der

Bedeutung des Alten Testaments in den letzten Jahrzehnten durch die christliche Theologie. Jetzt soll

im Gottesdienst verstärkt der eigenen Stimme des Alten Testaments Raum gegeben werden. Hierbei

spielt auch das christliche Gespräch mit dem Judentum eine Rolle. Das Neue Testament ist im alten

verankert. Ohne dieses hinge die Christusgeschichte in der Luft. Es ist nötig, um das Christuszeugnis

als biblisches Gotteszeugnis zu hören.

 

Neu wird es auch bei den Wochenliedern. Künftig gibt es pro Sonntag zwei Wochenlieder, ein älteres

und ein neueres. Dazu wird es ein neues Liederbuch geben, das das bisherige Gesangbuch ergänzt

(„Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder PLUS").

 

An einer Stelle wird auch das Kirchenjahr neu strukturiert. Mit dem 2. Februar (Mariä Lichtmess)

endet künftig fest die Epiphaniaszeit. Am 3. Februar beginnt die Vorpassionszeit. Die Sonntage nach

dem 2.2. werden künftig als „5. bzw. 4. Sonntag vor der Passionszeit" bezeichnet. Dann folgen

Septuagesimä, Sexagesimä, Estomihi, lnvokavit usw.

 

Der Zehnte  Sonntag nach Trinitatis (Israelsonntag) hat nun zwei Ausrichtungen zur Auswahl.

Entweder  kann er als Gedenktag der Tempelzerstörung (liturgische Farbe: violett) oder mit der

Thematik  Kirche und Israel (liturgische Farbe: grün) gefeiert werden.

 

Wer  neugierig geworden ist auf die vielen neuen Akzente, die uns in unseren Gottesdiensten

erwarten, kann sich hier ausführlicher informieren: www.fachstelle-

gottesdienst.degottesdienst-in-wuerttemberg/perikopenrevision-2018/

 

                                                          Evelina Volkmann, Fachstelle Gottesdienst