Gedanken zum Sonntag Jubilate 03.05.2020

Liebe Leserin, lieber Leser, liebe Gemeinde !

Der Osterjubel geht immer noch um die Welt. Heute, am Sonntag Jubilate, denken wir noch einmal besonders an die Freude über die Auferstehung und das neue Leben, das Gott für uns geschaffen hat. Es geht inhaltlich am Sonntag Jubilate um die Frage, wie wir mit Gott in Verbindung bleiben können.

Damit die Freude über die Auferstehung sich auch in unserem Alltag wiederfinden lässt, wie Paulus im Wochenspruch schreibt (2. Kor 5,17): Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

Nach Jubilieren ist mir gerade eigentlich nicht zu Mute, werden Sie vielleicht sagen. Die Kinder – mit Ausnahme der Abschlussklassen - dürfen immer noch nicht wieder zur Schule, die Kleineren auch nicht in den Kindergarten, es geht um die Arbeitsstellen, um die Kurzarbeit, werden wir durch den Monat kommen in Zukunft ?, Einkaufen geht nur noch mit Mundschutz und viele Einschränkungen des Alltags fallen einem ein.

Dagegen schreibt der Apostel Paulus : Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Er erinnert uns an unseren Glauben, an die Taufe, an den Wechsel in unserer Betrachtungsweise der Welt, an unsere Unabhängigkeit von dieser Welt durch den Glauben an Jesus Christus.

Können wir uns erinnern, wann wir das letzte Mal so glücklich waren, dass wir jubiliert haben ? Was hat uns da glücklich gemacht ? Wie lange hielt das an ? Und kennen wir das noch: dieses Gefühl des Glücklichseins ohne sichtbaren äußeren Grund, einzig auf Grund einer Gewissheit, einer Bestimmung, eines Glaubens ? Ein Fröhlichgestimmtsein, das nicht an äußere Güter gebunden ist.

Jubel, Glück, Fröhlichkeit wird häufig an den Besitz materieller Dinge und an äußere Dinge geknüpft. Fröhliche Menschen sehen wir, wenn wir die Produktempfehlungen der Werbetreibenden betrachten. Glück und Jubel hat dann immer mit Erwerb, Kaufen und Konsum zu tun und oft genug werden diese Glücks- Erfahrungen wirklich teuer erkauft.  Der Apostel will uns aber wachrütteln, herausholen aus diesem Denken, wenn er sagt: Ihr seid teuer erkauft; werdet nicht der Menschen Knechte ( 1 Korinther 7,23).

Gerade einmal 30% der Bevölkerung bezeichnet sich in normalen Zeiten als glücklich laut Umfragen. Sind die Grundbedürfnisse einmal gedeckt, verändert sich die Zahl auch mit zunehmendem materiellen Wohlstand nicht. Eine ganze Reihe von Menschen auch hier in Ochsenhausen sind aber abhängig von diesem materiellen Glück und empfinden es so, als könnten sie es vermehren, indem man an jedem Wochenende auf  Reisen ist, in den Ferien die exotischsten Länder aufsucht, das Champagnerglas auf whatsapp oder facebook posten kann, die angesagten Skiresorts aufsucht und dort mit Gleichgesinnten Party macht, lärmend bei Nacht durch die Straßen zieht, Alkohol und andere Stoffe die Stimmung aufhellen lässt.

Und doch bleibt am Ende die bittere Erfahrung:  Es ist niemals genug. Glück ist nicht käuflich, Unsere tiefsten, inneren Bedürfnisse werden durch materielle Dinge nicht gestillt. Das erfahren Kinder schon ganz früh, ob man sie nur mit gekauften Dingen abspeist oder ob sie sich wirklich geliebt und angenommen fühlen dürfen.

Oft genug wird das Glück auch in die Zukunft verschoben: wenn ich einmal in Rente bin, wenn ich genug Geld habe, wenn ich einmal Zeit habe, wenn ich die große Liebe gefunden habe, wenn ich fit genug bin – und es wird uns immer wieder von außen vermittelt: Du musst Dich nur genug anstrengen, attraktiv genug sein, bestimmte Ratschläge befolgen, positiver denken, Dich weiter optimieren. Es stellt sich oft genug eine vorübergehende Fröhlichkeit ein, ein Hochgestimmtsein, wenn man ein weiteres Ziel erreicht hat und doch hält der Zustand nicht an, denn irgendwo lauert schon wieder der nächste Vergleich, die nächste Herausforderung, das noch größere Glück.

In diesen Zeiten der Corona- Krise wird Vieles auf den Prüfstand gestellt.  Wir sehen noch einmal ganz neu auf unsere eigene Lebensgeschichte. Es macht sich für Einige sicherlich auch zum ersten Mal das Bewusstsein dafür bemerkbar, wie verwundbar die eigene Lebensgeschichte sein kann. Das Geschenk des Lebens wird in seinem Charakter als Gottesgeschenk wieder erkannt und dementsprechend ganz neu als kostbar empfunden. Und daran anschließend werden die Dinge im Leben auch wieder neu geordnet und daran bemessen, inwieweit sie überhaupt wichtig für uns sind. Die in der Managementsprache schon etwas abgegriffenen Worte wie Ziele, Prioritäten, Werte und Lebensqualität bekommen einen neuen Inhalt :“das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ Und wenn wir uns als Christen wieder darüber klar werden, welche Quelle unser Leben speist, dass wir auf Christus getauft sind, auf seinen Tod und seine Auferstehung wie wir es gerade im Osterfest wieder feiern durften, dann können wir zurecht sagen: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

Dies ist nur im Glauben zu erfassen, der selbst wiederum ein Geschenk ist. Da schweigt der Verstand, wir erleben inneren Frieden, ein Zustand wo es keiner Worte mehr bedarf und wir mit uns , der Schöpfung und Gott im Einklang sind. Dieses Leben in Christus ist ein nach außen hin vielleicht als stiller und ruhiger Zustand wahrzunehmen, nach innen aber höchst wach und lebendig. Wir empfinden wieder ganz neu Dankbarkeit und Liebe für uns und unsere Mitgeschöpfe.

Am Sonntag nach dem 1. Mai erkennen wir diese Verbindung in vielfältiger Weise. Die Maienlieder (Schmückt das Fest mit Maien, lasset Blumen streuen…) künden davon. Und mit einem Bild aus der Natur vergleicht auch Jesus das Verhältnis zwischen Gott und Mensch. Weinstock und Rebe sind bei ihm ein Zeichen für die enge Verbindung zwischen Gott, dem Vater, dem Sohn und den Christen (Johannes Kapitel 15), das auch unsere Mitgeschöpfe miteinschließt.

So ist unser Leben immer neu im Werden und auch wenn auf den ersten Blick für Viele derzeit mehr abgebrochen erscheint und in der Entwicklung düster noch ein letztes Trostwort von Martin Luther: Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht ein Gesundsein, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber. Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg. Es glüht und glänzt noch nicht alles, es reinigt sich aber alles. ( in: „Grund und Ursache aller Artikel“ (WA 7, 336), 1521)

Fürbittengebet

Guter Gott, die Verbindung zu dir hält uns am Leben. Wir bitten dich, dass du uns und alle Menschen begleitest, die diese Verbindung zu dir dringend brauchen. 

Wir bitten dich für die Armen und Benachteiligten, dass sie durch tätige Nächstenliebe wieder eine Verbindung zum Leben bekommen.

Wir bitten für die Kranken und Sterbenden, dass sie trotz Schmerzen und Angst die Verbindung zu dir nicht aufgeben.

Wir bitten für unsere Kirchen und Gemeinden, dass sie die Verbindung mit dir immer neu suchen und davon den Menschen weitersagen können.

Wir bitten dich auch für uns, die wir so oft die Verbindung zu dir verlieren und uns wieder nach dir sehnen. Sei uns nahe, heute und jeden Tag.

Gedanken zum Sonntag Misericordias Domini 26.04.2020

Liebe Leserin, lieber Leser, liebe Gemeinde !

Herzlich willkommen am zweiten Sonntag nach Ostern. Wie behütet uns Gott, fragen wir heute. In einer Welt, die wahrhaftig an vielen Orten kein Bild von Geborgenheit abgibt. Wir wollen uns trotz allem dem anvertrauen, was uns der Wochenspruch (Joh 10, 11.27.28) ans Herz und in die Seele legt: Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.

Woher kommt der Name des Sonntags ? Der Name leitet sich von Psalm 33,5 ab: Misericordias Domini plena est terra – die Erde ist voll der Güte (bzw. Barmherzigkeit) des Herrn. Das scheint uns Zeitgenossen in der augenblicklichen Situation eine große Herausforderung für Glauben und Denken. Der 26.4. ist ein unauslöschliches Datum vieler Erinnerungen. Da passierte 1986 der Super-Gau in Tschernobyl. Und auch heute im Jahr 2020 haben wir es mit einer unsichtbaren Bedrohung zu tun, was es für Viele schwer macht, verantwortlich darauf zu reagieren.

Andere suchen ebenfalls vergleichbare Bilder aus der Erinnerung und aus Erzählungen. Der Tübinger Religionspädagoge Friedrich Schweitzer hat dieser Tage dazu Stellung genommen: Vergleichbare Fälle sind nicht bekannt – jedenfalls nicht in dieser Art und in dieser Dimension. Befunde aus der Trauma-Forschung, zu Angst und Panik, zu Kriegserfahrungen kommen manchen in den Sinn. Aber sind die Situationen wirklich vergleichbar? Corona ist kein Gegner im Krieg, kein folternder Feind, keine Hungersnot, keine unsichtbare Strahlung. Selbst der sich vielfach aufdrängende Vergleich mit der Pest ist wenig hilfreich. Sich mit dem Virus infiziert haben ist nicht gleichbedeutend mit dem sicheren Tod.

Und dennoch bleibt es eine Herausforderung auch für den persönlichen Glauben. Im Netz werden Videos gepostet: „Warum lässt Gott Corona zu?“ Auch sonst ist diese Frage auf Youtube präsent. Und was soll man sagen, wenn manche behaupten, Corona sei eine Strafe Gottes, mit der die Menschen zurück auf den rechten Weg gebracht werden?

Hier füge ich Gedanken ein – Sie finden den ganzen Artikel auf unserer Homepage – des emeritierten Tübinger Theologie Professors Jürgen Moltmann ( bekannt geworden mit seiner Theologie der Hoffnung ) , der folgende Antwort darauf zu geben versucht:

Warum lässt Gott das zu ? ist eine nachträgliche Frage oder eine Zuschauerfrage, nicht die Frage der unmittelbar Betroffenen.

Sie fragen nach Heilung und Trost. Sie wollen, dass ihre Leiden aufhören, nicht dass sie erklärt werden. Jene alte Warumfrage ist damit nicht abgetan. Sie sucht nach einer Rechtfertigung Gottes angesichts des Leidens ohne Ende. Entweder ist Gott allmächtig oder gut: Gott kann nicht beides zugleich sein. Eine andere Möglichkeit aber ist: „Nur der leidende Gott kann helfen“, wie Dietrich Bonhoeffer in seiner Gefängniszelle geschrieben hat. Im gekreuzigten Christus erleidet Gott auch unsere Leiden und nimmt auf sich unsere Schmerzen, um bei uns zu sein in unserer Angst. Der gekreuzigte Christus ist der göttliche Trost im Leiden und der göttliche Protest gegen das Leiden, denn Christus ist auferstanden. Übrigens: Wir leben nicht in einer „heilen Welt“. Die Schöpfung ist erlösungsbedürftig. Die Natur kann grausam sein.

„Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten und durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jes 53,5). Die frühe Christenheit hat den „leidenden Gottesknecht“ von Jesaja auf das stellvertretende Leiden Christi am Kreuz bezogen. Wer nach dem Kreuzestod Christi noch von ‚‘Strafen Gottes“ in der Menschheitsgeschichte spricht, kennt Christus nicht und macht aus der Frohbotschaft der Vergebung der Sünden eine Drohbotschaft vom „strafenden Gott“.

Und so gilt: Über die Generationen von Glaubenszeugen hinweg ist  , in Nähe zum Osterfest, das Bild vom guten Hirten das Leitbild, der für seine Schafe sorgt, der sein Leben für sie lässt und ihnen das ewige Leben gibt.

Hier die Worte noch einmal zum Nachlesen und Beten:

Der HERR ist mein Hirte,

mir wird nichts mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue

und führet mich zum frischen Wasser.    

Er erquicket meine Seele.

Er führet mich auf rechter Straße

um seines Namens willen.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,

fürchte ich kein Unglück;

denn du bist bei mir,

dein Stecken und Stab trösten mich.

Du bereitest vor mir einen Tisch

im Angesicht meiner Feinde.

Du salbest mein Haupt mit Öl

und schenkest mir voll ein.

Gutes und Barmherzigkeit

werden mir folgen mein Leben lang,

und ich werde bleiben

im Hause des HERRN immerdar.

Dass uns diese Gewissheit erhalten bleibe, wo wir auch sind, wie es uns auch ergeht, im Hause des Herrn zu sein – das bitten wir Dich, Gott, durch Jesus Christus, der mit dir und dem heiligen Geist bei uns ist und unser Leben trägt – heute, morgen, alle Zeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Ein hoffnungstheologischer Impuls

Hoffnung zu Zeiten

der Corona-Pandemie 2020

Ein hoffnungstheologischer Impuls

 

Prof. Dr. Dr.h.c. mult. Jürgen Moltmann

 

Die Corona-Katastrophe ist wie das „finstere Tal“ von Psalm 23:

Niemand übersieht sie, niemand weiß, wie lange sie dauert, niemand weiß, wann

sie jemanden trifft. Gott erspart uns nicht das „Tal des Todes‘, aber Gott ist bei uns

in unseren Ängsten. Gott geht mit uns in die Dunkelheit. Er erspart sich selbst

nicht das „finstere Tal“. Gott durchleidet unsere Ängste mit uns und weiß doch den

Weg für uns. Darum fürchte ich kein Unglück, denn das treue Du ist da in meinem

Unglück. „Nah ist und schwer zu fassen der Gott“, dichtete Hölderlin. Gott ist uns

näher, als wir wissen können. Gott ist uns näher als wir uns selbst sein können. Darum

ist er schwer zu fassen, aber man kann auf seine Nähe vertrauen. Gottvertrauen

trägt das Selbstvertrauen, wenn es angegriffen wird. Alle Zukunftsprognosen sind

unsicher geworden und die Zukunftsgewissheit der modernen Welt ist gebrochen,

jetzt kommt es auf die Hoffnung an.

Christliche Hoffnung ist Reich-Gottes-Hoffnung für die Zukunft der Welt wie im Himmel so auf Erden und wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben

der kommenden Welt. Lange Zeit hat die Ewigkeitshoffnung in den Kirchen die

Vorwärtshoffnung auf das Reich Gottes verdrängt. In der modernen Welt hat der

Fortschrittsglaube die Ewigkeitshoffnung als „Opium des Volkes“ verdrängt. Beides

ist falsch: Jesu Botschaft vom „nahen Reich“ für die Armen, Kranken und Kinder

wird von seiner Auferstehung getragen und vergegenwärtigt. Die Auferstehungshoffnung

gegen den Tod und die Mächte der Vernichtung wird zum Beweggrund

für die geschichtliche Hoffnung auf das Reich Gottes.

Im Ende – der neue Anfang: Das ist christliche Hoffnung. Sie gründet in der Erinnerung

an das Ende Christi – es war sein wahrer Anfang – und richtet sich auf

was immer wir als „Ende“ erfahren. Der Gott der Hoffnung schafft immer neu einen

Anfang: im Leben und im Tode weckt er uns auf zum neuen Leben in seiner kommenden

Welt.

Warum lässt Gott das zu ?

ist eine nachträgliche Frage oder eine Zuschauerfrage, nicht die Frage der unmittelbar

Betroffenen.

Sie fragen nach Heilung und Trost. Sie wollen, dass ihre Leiden aufhören, nicht

dass sie erklärt werden. Jene alte Warum frage ist damit nicht abgetan. Sie sucht

nach einer Rechtfertigung Gottes angesichts des Leidens ohne Ende. Entweder

ist Gott allmächtig oder gut: Gott kann nicht beides zugleich sein. Eine andere

Möglichkeit aber ist: „Nur der leidende Gott kann helfen“, wie Dietrich Bonhoeffer

in seiner Gefängniszelle geschrieben hat. Im gekreuzigten Christus erleidet Gott auch unsere Leiden und nimmt auf sich unsere Schmerzen, um bei uns zu sein in

unserer Angst. Der gekreuzigte Christus ist der göttliche Trost im Leiden und der

göttliche Protest gegen das Leiden, denn Christus ist auferstanden. Übrigens: Wir

leben nicht in einer „heilen Welt“. Die Schöpfung ist erlösungsbedürftig. Die Natur

kann grausam sein.

 

Ist die Corona-Pandemie eine Strafe Gottes für die Menschheit?

Manche amerikanische Evangelikale behaupten das. Die alten heidnischen Opferkulte

wollten den Zorn der Götter besänftigen: Die Götter segnen das Wohlverhalten

der Menschen und bestrafen das Fehlverhalten. Die alte Werkgerechtigkeit

sollte die Strafe Gottes abwenden und den Himmel verdienen. Die „Strafe“ Gottes

mit dem CoronaVirus

ist die Kehrseite des evangelikalen „Gospel of Prosperity“.

„Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten und durch seine Wunden sind

wir geheilt“ (Jes 53,5). Die frühe Christenheit hat den „leidenden Gottesknecht“ von

Jesaja auf das stellvertretende Leiden Christi am Kreuz bezogen. Wer nach dem

Kreuzestod Christi noch von ‚‘Strafen Gottes“ in der Menschheitsgeschichte spricht,

kennt Christus nicht und macht aus der Frohbotschaft der Vergebung der Sünden

eine Drohbotschaft vom „strafenden Gott“.

Wer gewinnt in diesen Zeiten der Corona-Pandemie?

Die Menschen: Der tägliche Konkurrenzkampf ist stillgelegt. Da alle betroffen sind,

lernen sie jetzt, was Solidarität ist. Solidarität gegen einen gemeinsamen Feind

wie das Corona-Virus ist gut, Solidarität aus Freude an der gemeinsamen Menschlichkeit

– ohne einen Feind – ist besser.

Die Natur: Die Natur der Erde durchlebt eine „Verschnaufpause“ von der menschengemachten

Umweltkatastrophe. Die naturgemachte Corona-Katastrophe hat

die Menschenwelt zu Solidarität und einschneidenden Maßnahmen geführt. Die

Umweltkatastrophe sollte eine ähnliche Solidarität und ähnliche Maßnahmen der

Staatengemeinschaft hervorrufen.

 

Wer verliert in der Corona-Katastrophe?

Das Selbstbewusstsein der modernen Menschen: Wir haben die Krise nicht „im

Griff“. Die Covid-Viren stellen unsere „Machbarkeit aller Dinge“ durch Wissenschaft

und Technik in Frage. Wir kommen an unsere Grenze. Der Virus wird zum „Feind“

erklärt und seine Bekämpfung wird als „Krieg“ gewertet. Ist die Natur wieder der

Feind des Menschen?

Die Sterbenden werden nur in Zahlen erwähnt. Sie sterben aber auf den Intensivstationen

in äußerster Isolation und ohne menschliche Nähe. Um die Gesunden zu

retten, lassen wir sie allein. Keiner kann sagen, ihn oder sie betrifft solches Sterben

nicht. Der modern verdrängte Tod ist wieder ins Zentrum getreten. Das ist für das

moderne Selbstbewusstsein schlecht. Statt Arroganz ist Demut gefragt.

 

Spendenübergabe von Schutzmasken

Pfarrer Schwarz übergibt eine Spende von je 450 Schutzmasken an das Altenzentrum Goldbach und die Ökumenische Sozialstation Rottum- Rot – Iller,

Dienstag 21.4.2020

Gedanken zum Sonntag Quasimodogeniti 19.04.2020

Liebe Leserin, lieber Leser, liebe Gemeinde !

 

Was fehlt gerade am meisten ? Da ist der abgesperrte Spielplatz, die leeren Spuren auf der Autobahn, vor allem am Wochenende, der Espresso in der Sonne, der Partner, der von einem ging, das spontane Treffen, das Ausgehen, die Schulfreunde, der Kindergarten, der Gottesdienst, einmal wieder in den Arm genommen werden, und, und, und. Sicher fallen Ihnen noch vielen andere Dinge ein nach drei Wochen Corona – Krise, die sie mehr oder weniger schmerzlich vermissen werden. Es ist das Alleinsein, das vielen besonders Mühe macht, alleine den Alltag bewältigen, alleine die nächsten Schritte gehen, alleine in Isolation sich befinden, wie die Menschen in den Altenheimen, oder Menschen ohne ihre Gesprächs- und Selbsthilfegruppen, die sich bei uns im Gemeindezentrum regelmäßig getroffen haben.

Alleine wie ein kleines Kind, das auf Hilfe von außen angewiesen ist, alleine wie der Ehemann nach über 50 Jahren Ehe, alleine wie die Enkel ohne die Oma, alleine wie Jesus am Kreuz, alleine wie die Jünger nach dem Karfreitag und auch noch nach Ostern.

Der Name des Sonntags Quasimodogeniti („Wie die neugeborenen Kinder“) stellt für diesen Sonntag den Bezug zur eigenen Taufe her und spricht davon, dass Menschen neu geboren werden (1 Petr 1).

Der Sonntag wird in der Tradition auch „Weißer Sonntag“ genannt, weil es in der Alten Kirche üblich war, dass die Täuflinge der Osternacht sich eine Woche lang des Badens enthielten und ihre weißen Taufkleider bis zum Sonntag nach Ostern trugen. Ab dem 17. Jahrhundert wurde der „Weiße Sonntag“ zum üblichen Tag der Erstkommunion in römisch-katholischen Gemeinden bzw. zum Konfirmationstag in evangelischen Gemeinden, weil im damaligen Bildungswesen, in diese Zeit auch der Schulabschluss fiel.

Dem heutigen Sonntag sind Verse aus dem 40. Kapitel des Buches Jesaia zugeordnet: 26 Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«?28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.29 Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.30 Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen;31 aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

„Neue Kraft kriegen“. Das ist eine Verheißung für Menschen, die nach neuer Kraft förmlich hungern und dürsten. Nach drei Wochen Corona- Krise  fühlen sich Menschen an etlichen Stellen in unserer Gesellschaft ausgebrannt und kraftlos. Sehnen sie sich doch nach neuer Kraft für Leib und Seele.

Auch dem Essen kommt eine besondere Rolle zu. Es hält sprichwörtlich und tatsächlich Leib und Seele zusammen. Nicht das große Festmahl muss es sein. Manchmal reichen Tomaten, Käse, Oliven und Brot. Das fehlt mir z.B. ganz persönlich, sich mit Freunden verabreden, das Mitgebrachte teilen und zusammen „neue Kraft kriegen“.

Das Evangelium nach Johannes berichtet von einer besonderen Begebenheit nach Ostern im 21. Kapitel: Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen?

Es ist diese Erfahrung mit dem Auferstandenen, die die Mutlosigkeit, die Niedergeschlagenheit und das Alleingelassensein der ersten Jünger durchbricht. So erzählt der Evangelist den Menschen, die Jesus nicht mehr mit eigenen Augen sehen werden. Auch beim Evangelisten Lukas ( Kap 24) ist es das Brotbrechen an dem die Jünger den Auferstandenen wieder erkennen. Als Glaubende sehen wir schon eine neue Wirklichkeit Gottes, gerade jetzt ist das wichtig: eine Wirklichkeit jenseits der schrecklichen Bilder aus den Fernseh – Berichterstattungen. Es ist eine Wirklichkeit, die uns zeigen soll: Gott lässt uns nicht allein. Wir sollen wieder neue Kraft bekommen.

Fürbittengebet

Wunderbarer Gott, Quelle des Lebens, du überwindest den Tod und wir leben.

Wir bitten dich für alle, die gegen die Mächte des Todes in dieser Welt ankämpfen.

Ihren Worten verschaffe Gehör, ihren Hoffnungen gib du Bestand, ihrer Liebe gib du die Kraft. Du überwindest den Tod und bist das Leben.

Barmherziger Gott, Maßstab der Gerechtigkeit, du befreist und rettest deine Schöpfung und wir leben.

Wir bitten dich für die Hungernden, für die falsch Beschuldigten und Gedemütigten, für die in Ängsten und die Kranken, die Mutlosen, die Alleingelassenen. Ihre Feinde besiege. Ihren Hunger stille. Ihr Recht beschütze. Bei dir ist die Gerechtigkeit und auf dich hoffen wir.

Treuer Gott, dein Sohn Jesus Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden und wir glauben.

Wir bitten dich für deine weltweite Kirche. Wir bitten für die orthodoxen Christen, die heute Ostern feiern. Wir bitten um Festfreude und um Schutz vor Angriffen.

Segne die Trauernden. Du bist unser Trost und Leben.

Dich beten wir heute und alle Tage an, durch Jesus Christus, deinen Sohn, unseren Bruder und Herrn.

(nach: VELKD, Wochengebet zu Quasimodogeniti

Gedanken zu Ostersonntag 2020

Gedanken zum Ostersonntag 2020

Liebe Leserin, lieber Leser, liebe Gemeinde!

Im Wochenspruch (Offb Joh 1,18) sagt Christus: Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Mit diesem Satz aus dem ersten Kapitel der Offenbarung des Johannes wünsche ich Ihnen Frohe Ostern : Christus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden, das ist ein Grund zum Feiern, wenn wir heute den lebendigen, den auferstandenen Herrn unserer Kirche und unseres Lebens suchen und seine Gegenwart und Nähe.

Ostern im Jahre des Herrn 2020 – so ungewöhnlich, dass niemand dafür eine Blaupause haben kann, wie dieses wichtigste Fest der Christenheit auch nur annhähernd angemessen begangen werden kann. Wir müssen auf Vieles verzichten, nicht nur auf die liebgewonnenen Gottesdienste, sondern auch auf viele soziale Kontakte und Begegnungen, innerhalb der Familie und Freunden, auf die gewohnten täglichen Unternehmungen, Einkäufe, Gespräche mit Nachbarn, Kinobesuch, Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Darüber hinaus gehen auch viele Erwartungen und Wünsche verloren, Hoffnungen werden zunichte, es gibt Unsicherheit und Ängste vor der Zukunft. Ob sich ein „ Normal- Betrieb“ je wieder einstellen wird, bleibt mehr und mehr fraglich.

Für die ersten Christen war das eine Erfahrung, die der unseren gleichen mag und was hätten sie für ein Weitermachen zusammen mit Jesus gegeben: alles nur ein Alptraum, Karfreitag, das Kreuz – so standen sie vor einem Scherbenhaufen.

Der Apostel kennt die Herzen seiner Adressaten, an die er damals in Korinth schrieb und wir lesen heute aus dem 15. Kapitel:  19 Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen.20 Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind.21 Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten.22 Denn wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden.23 Ein jeder aber in seiner Ordnung: als Erstling Christus; danach, wenn er kommen wird, die, die Christus angehören;24 danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt vernichtet hat.25 Denn er muss herrschen, bis Gott ihm »alle Feinde unter seine Füße legt« (Psalm 110,1).26 Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod.27 Denn »alles hat er unter seine Füße getan« (Psalm 8,7). Wenn es aber heißt, alles sei ihm unterworfen, so ist offenbar, dass der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat.28 Wenn aber alles ihm untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott sei alles in allem.

Ende 2018 gab es eine Umfrage im Auftrag der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. 2.000 Deutsche wurden befragt, ob sie an ein Leben nach dem Tod glauben. Grob vereinfacht und gerundet kam von der Hälfte ein klares Nein, da kommt nichts mehr. Die andere Hälfte der Befragten kam zu drei vergleichbar gleich häufigen Antworten: Erstens: Ja, es gibt ein Leben nach dem Tod, mit Himmel/Hölle/Paradies oder ähnlich. Zweitens: Ja, Wiedergeburt; Drittens: „Weiß nicht“. 

Unterm Strich glauben also weniger als 20% der Deutschen, dass es sich mit Tod und Auferstehung so verhält, wie in der Bibel beschrieben. Was mich bei der Umfrage überraschte: Je älter, desto skeptischer. 18- bis 24-Jährige glauben zu 17% an die christliche Auferstehungshoffnung, 65-plus nur noch zu 6%. Sechs Prozent! Also im Prinzip keiner mehr nach der Rente.

In der online Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ( FAZ- net vom 5.4.2020) wurde diese Tage der 81 -jährige Mauro Morandi befragt, der als Eremit auf einer kleinen Insel lebt , ob er denn glaube, dass die aktuelle Krise das Denken und Verhalten der Menschen in irgendeiner Weise grundlegend verändern wird? Er antwortete, dass er da leider absolut keine Hoffnung habe. Er wisse ja, wie die meisten Menschen gestrickt seien. Sie würden schnell vergessen und nur wenige Menschen würden aus der Erfahrung der aktuellen Krise die richtigen Schlüsse ziehen. Die meisten Menschen würden weiter nach ihren Bequemlichkeiten streben und konsumieren wollen, um glücklich zu sein. In Wirklichkeit fänden sie so natürlich kein Glück. Er setze wenig Hoffnung in die Menschheit, am meisten vielleicht noch in die Jugend.So fasst er zusammen, was das Umfrageergebnis auch bedeuten könnte. Besteht für uns Christen da noch eine Hoffnung ?

Martin Luther sagte schon zu seiner Zeit (Von der Auferstehung, Erste Predigt): Wider solche Klüglinge, die doch gute Christen heißen, ja vortreffliche Lehrer, auch wohl für die ersten Prediger nach den Aposteln geachtet seyn wollten, und sich hohes Geistes rühmeten, setzet sich St. Paulus mit allen Kräften, gründet den Artikel von der Auferstehung aufs allerstärkeste, stopfet solchen Klüglingen das Maul gewaltiglich, auf daß er die rechtschaffenen Christen in rechtem, reinen Glauben dieses Artikels beständig, erhalte, damit sie nicht auch durch solchen Gift, und lose Geschwätz der Vernunft und menschlicher Klugheit, so sich unterwindet, die Artikel des Glaubens zu meistern, irre gemacht und verführet werden.

Eine deutliche Sprache. Paulus im Brief nach Korinth :„Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendsten unter allen Menschen“, das ist immer noch ein ebenso harter und deutlicher Satz.  Doch Paulus hält fest: Gott, wie er in der Bibel erzählt und geglaubt wird, lässt die Seinen nicht im Stich.Und mit der Erkenntnis, dass wir Menschen nur im Vorletzten leben, eröffnet sich uns eine ungeahnte Freiheit. Ostern befreit uns von den zeitlichen Zwängen. Unser Leben und unsere Entscheidungen haben zwar ein Gewicht, aber was auch passiert und wie auch immer wir es geführt haben, es bleibt vorläufig im wahrsten Sinne des Wortes.Das hebelt jedes Zeitverständnis aus, denn unsere Zukunft mit und bei Gott hat schon begonnen, steht noch aus und wird bei ihm erst vollendet.

Fürbitten

Jesus Christus, der du den Tod besiegt hast und auferstanden bist, höre unsere Bitten:

Wir bitten dich für die Einsamen, dass sie Zuwendung erfahren. Niemand lebt für sich allein, niemand stirbt für sich allein. Ob wir leben oder sterben, sind wir ganz dein.

Wir bitten dich für die Suchenden, dass sie dich finden durch die Hilfe anderer Menschen, die mit ihnen auf dem Weg sind.

Wir bitten dich für die, die dem Tod begegneten, weil sie liebe Menschen verloren haben oder selbst an Leib und Leben bedroht waren, um die Gewissheit, dass du stärker bist als der Tod und niemanden verloren gibst.

Wir bitten dich für unsere Gestorbenen, dass sie Freude in Fülle haben in deinem ewigen Reiche, das auf uns wartet.

In der Stille bringen wir unsere Anliegen vor dich:

– Stille –

Für all die Genannten und Vergessenen bitten wir dich:

Bleib bei uns in deiner Gnade; und sei uns barmherzig in deiner Geduld und Güte.

Gedanken zu Karfreitag

Karfreitag 2020

 

Liebe Leserin, lieber Leser, liebe Gemeinde !

 

Social distancing – ein neues Wort hat es in den Wortschatz der Medien geschafft. Es bedeutet soviel wie: ich bleibe zuhause, halte mich fern von Menschenansammlungen, pflege meine Kontakte Per Brief, Telefon oder Internet, versuche den Kontakt mit Infektionsquellen zu vermeiden.

Die andere Seite: Menschen verlieren den Mut, sind alleine, hilflos, bekommen keine Anrufe mehr, keinen Besuch mehr, ein Angehöriger ist gestorben, aber niemand kommt mehr, um miteinander zu trauern, jemand ist ohne Besuch im Krankenhaus, in Qarantäne, Opa und Oma als Hochrisikogruppe werden nicht mehr von den Enkeln besucht oder zu den Festtagen eingeladen, Arbeitslosigkeit, Not und Niedergeschlagenheit machen sich bereit. Erinnerungen keimen auf angesichts des fast kompletten Stillstands der Wirtschaft. Einen ähnlichen Zustand gab es zuletzt vermutlich nur während der Weltkriege. In einem Interview mit dem Auslandsrundfunk "Deutsche Welle" sagte der Historiker Albrecht Ritschl, dass sich die derzeitige Situation am ehesten mit der Kriegswirtschaft vergleichen lasse.

Unter den sieben letzten Kreuzesworten Jesu steht eines für mich in der jetzigen Zeit ganz stellvertretend: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34 EU; Mt 27,46 EU) Das nüchterne Wikipedia Deutsch fasst es so zusammen:  Diese Worte werden im griechischen Text der Evangelien als Transkription der aramäischen Übersetzung des 22. Psalms (Ps 22,2 EU) im Evangelium nach Markus mit ελωι ελωι λαμμα σαβαχθανι eloi eloi lamma sabachthani beziehungsweise im Evangelium nach Matthäus mit ηλι ηλι λαμα σαβαχθανι eli eli lama sabachthani (eigentlich אֵלִי אֵלִי לְמָה שְׁבַקְתָּנִי ’eli, ’eli, lema schewaktani oder ܐܹܝܠ ܐܹܝܠ ܠܡܵܢܵܐ ܫܒܲܩܬܵܢܝ ’il, ’il, lmana schwaktan, im hebräischen Original des Psalms אֵלִ֣י אֵ֭לִי לָמָ֣ה עֲזַבְתָּ֑נִי ’eli, ’eli, lama ‘asawtani, in der Luther-Bibel: Eli, Eli, lama asabtani) wiedergegeben, in dem Jesus den Klageruf eines von Gott verlassenen Dieners aufgreift bzw. den Psalm als Sterbegebet spricht.

Auf der einen Seite wird dieser Ausspruch als Ausdruck von Jesu Verzweiflung verstanden, der sich von Gott verlassen sieht: Nicht nur von seinen Jüngern verlassen, auch von der Volksmenge und seinen Leidensgenossen verhöhnt. Andererseits gilt dieser Ausruf als Beleg des vollkommenen – leiblichen, seelischen wie geistlichen – Leidens, das Jesus auf sich nahm. Der Psalm bringt aber später das tiefe Gottvertrauen des scheinbar Verlassenen zum Ausdruck und folglich ebenso das tiefe Vertrauen Jesu selbst in seiner größten Verzweiflung. Die Kirche sieht dies auch als Erfüllung der in Jes 53 EU geschilderten Sündenübernahme des unschuldigen Dieners Gottes. Manche Auslegungen betonen statt des „von Gott Verlassenseins“ mehr das „Getrenntsein vom Vater“, also dass Jesus in diesem Moment von seinem Vater getrennt war und dass darin sein eigentliches Leiden bestand.

Für mich spiegelt sich darin auch die am Anfang der Evangelien erzählte ( Matthäus Kapitel 4) Geschichte von Jesu Bewährung in der Wüste, in der absoluten Dunkelheit und Ausgesetztheit. Die Wüste ist in alttestamentlicher Traditionen sowohl als Ort der Gottesoffenbarung (Ex 3,1-4,17; 19) wie auch als Stätte der Gottesferne (Dtn 8,15; Lev 16,10;) erfahrbar – beide Elemente tauchen hier im Geschehen am Kreuz wieder auf, wie auch die Bewährung Jesu.

In der ökumenischen Feier zum Karfreitag, die in einer Aufzeichnung aus der Basilika Ochsenhausen ausgestrahlt wird ( Link zur Aufzeichnung auf der Homepage der Katholischen Kirchengemeinde auch unter www.ev-ki-ox.de) versuchen Pastoralreferent Karlheinz Bisch und ich eine Antwort zu finden über das Bild des Wurzacher Gnadenstuhls: Gott Vater, der den toten vom Kreuz abgenommenen Jesus hält. Ja, hält . Und über Beiden, der Heilige Geist, der alles in Liebe verbindet.

Das Bild ist zutiefst realistisch: der kraft- und leblose, tote Jesus kann, selbst wenn er die Augen öffnen könnte, Gott nicht sehen.Er erfährt sich - wie jeder Mensch – allein und verlassen in seinem Leid. Eben: Gott-verlassen. Dennoch ist Gott da - aber das sehen nur wir. Denn Gott steht hinter ihm: Um ihm den Rücken zu stärken, um ihn aufzufangen, um ihn zu halten. Gott Vater ist dargestellt, männlich stark. Aber  -  wenn man genau hinschaut, entdeckt man etwas: Im Gegensatz zu seiner sonstigen, kraftvollen Statur, hat dieser Gott-Vater ganz schmale, zarte Hände: Frauenhände! Hände, die eben nicht deutlich spürbar, womöglich derb zupacken. Sondern Hände, die einen unaufdringlich, vorsichtig, ja zärtlich berühren - und gerade dadurch Halt - liebevollen Halt – geben. Das ist kein optimistisches Bild, sondern äußerst realistisches :Gott ist keiner, der einfach das Ruder herumreißen kann, der die Welt auf den Kopf stellt, damit sie so wird, wie wir sie uns wünschen.

Nein, die Welt bleibt ganz so, wie sie ist: gelitten wird weiter, gestorben wird weiterhin. Aber etwas ist doch neu – seit dem Tod Jesu am Kreuz. Das Bild sagt es uns: Nämlich: der äußere Anschein trügt!

Trotz alledem: es gibt Hoffnung!

Du bist nicht 'Gott-verlassen' - komme da was will!

Und sei es das Kreuz!

 

Gott hält seinen Sohn,

den Leidenden,

den Sterbenden,

den Toten.

   Gott hält auch dich.

 

Gott steht hinter ihm

im Leiden,

im Sterben,

im Tod,

   Daher sieht man ihn oftmals nicht.

 

Gott fasst nicht grob zu,

sein Griff ist zart,

scheint schwach.

   Und doch ist er da - sei dafür wach.

 

Gott hält seinen Sohn

im Leiden,

im Sterben,

im Tod.

   Gott hält - ganz gewiss - auch dich!

Gedanken zu Gründonnerstag

Gedanken zu Gründonnerstag im Jahr 2020 n.Chr.

Liebe Gemeine, liebe Leserin, lieber Leser !

Wenn wir in diesem Jahr an Gründonnerstag vielleicht zuhause das Hausabendmahl feiern oder einem Gottesdienst im Fernsehen oder Internet folgen, dann merken wir: es ist schlagartig Alles anders geworden.

Die Gemeinschaft derer, die sich am Altar versammeln ist nur noch virtuell erfahrbar. Vielen fehlt jetzt schon das gemeinsame Feiern, das Miteinander – Beten, der Trost, die reale Erfahrung eines Kraft- Ortes.

Schon sehr früh schrieb Johannes (von Antiochia) Chrysostomos, der Erzbischof von Konstantinopel war und von 349 – 407 n. Chr. gelebt hat:

Wir viele sind ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot“ (1 Korinther Kap. 10 Vers 17). Was ist das für ein Brot? Es ist der Leib Christi! …Wie viele Weizenkörner sind doch in einem Brot enthalten! Aber wer sieht die Körner? Sie sind ganz im Brot aufgegangen, aber in nichts unterscheiden sie sich voneinander, so sehr sind sie eins geworden. … Wenn wir alle am selben Brot teilhaben, wenn wir alle in ihm so sehr vereint sind, dass wir ein und derselbe Leib werden – warum sind wir dann nicht vereint durch ein und dieselbe Liebe, eng miteinander verbunden durch dieselbe Liebe?“

Es ist der Schmerz des Getrennt- Seins, den er beschreibt. Im Blick hat er die Gemeinde der Gläubigen, die bereit war, sich zertrennen zu lassen. Dieser Schmerz des Getrennt- Sein erleben wir auch heute, in diesem Jahr ganz besonders. Das Getrennt- Sein erleben wir auch schon seit Generationen in der Trennung der Konfessionen. Es bleibt ein Stein des Anstoßes, denn Jesus selbst sagt im Evangelium nach Johannes Kapitel 17, Vers21 :

Sie alle sollen eins sein, genauso wie du, Vater, mit mir eins bist. So wie du in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns fest miteinander verbunden sein. Dann wird die Welt glauben, dass du mich gesandt hast.

So eine Zertrennung soll  unter den Christen nicht sein. Beim Letzten Abendmahl Jesu am Gründonnerstag hat er selbst darüber gesprochen. „Das ist mein Blut des neuen Bundes“, sagt er.

Wenn wir uns heute daran erinnern, dürfen wir getrost und gewiss sein, dass wir miteinander verbunden sind, auch wenn es schwer fällt, diese Trennung auszuhalten.

Der Theologe Michael Becker erzählt dazu folgende Geschichte:

 Die Eltern gehen mit ihren Kindern zum ersten Mal zu einer Feier des Abendmahls. Es ist Gründonnerstag. Aus dem Religionsunterricht und dem Kindergottesdienst, den es in der Gemeinde manchmal gibt, wissen die Kinder ungefähr, was Gründonnerstag und Karfreitag bedeuten. Große Lust haben die Kinder nicht; andererseits sind sie auch etwas neugierig und angespannt. Als die Familie fertig ist zum Losgehen, fragt der Junge noch einmal: Warum gehen wir da jetzt nochmal hin? Die Mutter antwortet: Weil Gott zu uns kommt, gehen wir zu ihm.

 Das ist eine schöne, schlichte Antwort. In Brot und Wein zeigt Gott seine Nähe. Damals, am Gründonnerstag in Jerusalem, nahm Jesus Brot und sagte: Das ist mein Leib. Dann nahm er Wein und sagte: Das ist mein Blut. Auf geheimnisvolle Weise wandelte er Brot und Wein in Zeichen seiner Nähe. Und sagte dazu: Wann immer Ihr Brot und Wein auf diese Weise miteinander teilt, bin ich mitten unter Euch.

Wir müssen das nicht verstehen. Es genügt, wenn wir die Zeichen so anschauen und so miteinander teilen, dass wir wissen: jetzt sind wir in Gottes Nähe. So wie er zu uns kommt, gehen wir zu ihm.

Gott ist uns nahe in seinen Zeichen. Das Wasser der Taufe, das Aufblühen der Schöpfung, Brot und Wein, das Salben mit Öl bei Kranken, die Hand des Segens über uns bei der Konfirmation, der Trauung und am Ende eines jeden Gottesdienstes – alles das sind Zeichen von Gottes Nähe. Wir sollten diese Zeichen nicht gering schätzen, auch wenn sie so klein sind. Viele Menschen haben schon großen Trost empfunden, wenn Gott sich ihnen durch ein kleines Zeichen näherte. Es begann damals an Weihnachten, als die Engel sagten: „Und das habt zum Zeichen …“

Gott ist uns nahe in seinen Zeichen. Gott ist immer viel größer als diese kleinen, oft alltäglich wirkenden Anzeichen. Aber uns dürfen sie genügen. Gott ist da. Er sitzt mit uns oder steht neben uns am Tisch. Darum heißt der Abendmahlstisch „Tisch des Herrn“. Weil Brot und Wein auf geheimnisvolle Weise gewandelt wurden, ist Jesus unter uns. Wir sind behütet vom Herrn der Welt. Das dürfen wir uns einfach gefallen lassen, wenn wir gleich Brot und Wein teilen. Gott sieht uns; Gott weiß um uns – der schönste Trost der Welt.

Gedanken zum Sonntgag Palmarum 05.04.2020

 

Palmsonntag – Jesus zieht nach Jerusalem. Der Weg ist anstrengend, er führt bergauf. Zunächst durch eine jubelnde Menge, einige Tage später bringt dieser Weg Jesus bis oben hinauf an das Kreuz. Der Evangelist Johannes schreibt im Wochenspruch (Evangelium nach Johannes Kap.3,14): Der Menschensohn muss erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.

Welchen Weg Menschen einschlagen, die an Jesus glauben und ihm nachfolgen wollen, darum soll es an diesem Sonntag gehen.

Der Beginn der Karwoche zeigt wie kaum ein anderer Feiertag die Ambivalenz der Jesusnachfolge. Reiht man sich mit Liedern, Kyrie-Rufen und Gebeten gedanklich ein in die Menge jener, die ihn als König begrüßen – wohlwissend, dass wenig später einige von ihnen die Kreuzigung Jesu fordern?

Oder reiht man sich ein unter jene, die das Gefolge Jesu bilden und mit ihm durch das jubelnde Spalier nach Jerusalem einziehen - auch wenn sie ihn später im Stich lassen werden ? Stellt man sich neben jene, die keine Kosten und Mühen darin scheuen, Jesus zu dienen? Oder gehört man zu denen, die sich fragen, ob man Gott nicht mehr dient, indem man Bedürftigen hilft? –

Für die Pilgerströme des Heiligen Jahres 1500 wurde die früheste Straßenkarte Mitteleuropas konzipiert, auf die im Zusammenhang mit dem „Lies-eine-Straßenkarte-Tag“ am 5. April 2020 verwiesen wird. Es passt gut zu Palmsonntag sich zu fragen, auf welchem Weg man selbst mit oder zu Gott unterwegs ist.

Mich beeindruckte in diesen Tagen sehr der Erfahrungsbericht des Pfarrers und geistlichen Begleiters und Therapeuten, Christoph Maria Schmitz, der in seinem Erfahrungsbericht davon schrieb, dass er am 25.9.2018 seinen Glauben an die Kirche verloren habe. So genau konnte er das datieren. An diesem Nachmittag war er die Erfahrung, dass er die Beheimatung in seiner Kirche verloren hatte, da diese nach seiner Ansicht gefühllos sich ihrer Verantwortung gegenüber unzähligen Opfern entzog.

Seine persönliche Krise kann zum Sinnbild für die Krise vieler Menschen werden, die in diesem Augenblick sich auch inmitten von Ausweglosigkeiten wiederfinden, von einem Moment zum Andern. Galt gerade noch die Zeit der unbegrenzten Möglichkeiten, finden sich viele Menschen nun blockiert in einer Krise wieder in der sie sich ebenfalls von der Kirche alleingelassen sehen. Gottesdienste finden höchstens noch online statt, Beerdigungen dürfen nur noch unter freiem Himmel stattfinden mit maximal 5 Personen am Grab, Taufen und Trauungen müssen verschoben werden bis ins nächste Jahr hinein, Seelsorge kann nur noch am Telefon und per mail oder Chat stattfinden und zuallermeist fehlen die Angebote für die Menschen, die sich in der Kirche und im Gemeindehaus zusammengefunden haben, sei es in Trauergruppen, Selbsthilfegruppen oder mit ihren Kleinkindern. Es fehlen die geöffneten Second- hand- Kleider- läden, der St- Martins – Tafelladen, die Besuche bei Trauernden, zum Geburtstag, im Altenheim und bei Kranken.

In diese Situation hinein hören wir heute die Geschichte  aus dem 14. Kapitel aus dem Markusevangelium: 1 Es waren noch zwei Tage bis zum Passafest und den Tagen der Ungesäuerten Brote. Und die Hohenpriester und Schriftgelehrten suchten, wie sie ihn mit List ergreifen und töten könnten. 2 Denn sie sprachen: Ja nicht bei dem Fest, damit es nicht einen Aufruhr im Volk gebe.

3 Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. 4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? 5 Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. 6 Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. 7 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. 8 Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. 9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

In dieser Zeit, der plötzlich aufgebrochenen Lebensnot, bemerken wir, dass es nicht mehr um Geld geht. Nicht die Millionäre und Milliardäre retten im Augenblick die Welt und die Menschen, sondern es sind die Krankenschwestern, die Ärztinnen und Ärzte, die Pfleger, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Sozialstationen, der Altenheime, es sind die Verkäuferinnen und Kassiererinnen tagtäglich an der Front, die Angestellten in den Laboren, die Leute von den Entsorgungsdiensten und diejenigen mit dem sogenannten Infrastrukturauftrag, die Krisenstäbe in den Gemeinden, die Angestellten und Hilfskräfte in den Warenumschlagszentren, die Brummi- FahrerInnen, und viele mehr.

Wir merken: Wir brauchen Gerechtigkeit und Fürsorge und so vieles, um die Not in der Welt zu lindern. Wir brauchen Essen für die Lebenden und einen würdigen Abschied für die Toten. Wir brauchen Nächstenliebe und Liebe für uns selbst. Und wir brauchen Gotteshäuser, in denen wir uns wohlfühlen können, dazu Symbole und Feste. Wenn wir aber nicht alles gleichzeitig haben können, weil die Mittel begrenzt sind, wird es kompliziert. Dann stellt sich die Frage: Wie verteile ich das, was ich habe, zwischen mir selbst und meinen Mitmenschen? Wie erkenne ich, was gerade dran ist? Kann ich etwas abknapsen für andere? Und will ich das für meine Familie zurücklegen oder lieber für Not leidende Menschen oder für Umwelt und Schöpfung ?

Wohl vor allem deswegen erinnert Jesus die Jünger geduldig daran, das Handeln der Frau nicht vorschnell zu verurteilen. Sie hat sich entschieden und das war keine Frömmigkeitsübung, keine andächtige Kreuzwegbetrachtung, nein das war Anteil nehmen an Jesu Lebens- und Schicksalsweg.

So schrieb der Philosoph Friedrich Nietzsche 1882 in seinem Werk, Die fröhliche Wissenschaft: Man muß lieben lernen. – So geht es uns in der Musik: erst muß man eine Figur und Weise überhaupt hören lernen, heraushören, unterscheiden, als ein Leben für sich isolieren und abgrenzen; dann braucht es Mühe und guten Willen, sie zu ertragen, trotz ihrer Fremdheit, Geduld gegen ihren Blick und Ausdruck, Mildherzigkeit gegen das Wunderliche an ihr zu üben –: endlich kommt ein Augenblick, wo wir ihrer gewohnt sind, wo wir sie erwarten, wo wir ahnen, daß sie uns fehlen würde, wenn sie fehlte; und nun wirkt sie ihren Zwang und Zauber fort und fort und endet nicht eher, als bis wir ihre demütigen und entzückten Liebhaber geworden sind, die nichts Besseres von der Welt mehr wollen als sie und wieder sie.

So geht es uns aber nicht nur mit der Musik: gerade so haben wir alle Dinge, die wir jetzt lieben, lieben gelernt. Wir werden schließlich immer für unsern guten Willen, unsere Geduld, Billigkeit, Sanftmütigkeit gegen das Fremde belohnt, indem das Fremde langsam seinen Schleier abwirft und sich als neue unsägliche Schönheit darstellt: es ist sein Dank für unsre Gastfreundschaft. Auch wer sich selber liebt, wird es auf diesem Wege gelernt haben: es gibt keinen anderen Weg.

Auch die Liebe muß man lernen.

Genau daran erinnert Jesus seine Jünger, als er über die Frau sagt: „Sie hat ein gutes Werk an mir getan.“  Er weiß, dass, er nicht mehr lange in dieser Welt sein würde, bis er sterben muss. Daran hatten die Jünger nicht gedacht. Die Frau aber schon. Sie hatte ihm das gegeben, was sich jeder gerade besonders wünscht – und was jedem von uns zusteht: Mitgefühl, Wegbegleitung, Seelsorge, ein anständiges Begräbnis, ein Ansehen der Person, Wertschätzung, Würde und Liebe.

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Gedanken zum Sonntag Judica 29.03.2020

„Schaffe mir Recht!“, ruft der Beter des 43. Psalms zu Gott. Seine Worte gaben dem Sonntag „Judika“ seinen Namen. Früher wurde dieser Tag auch der „Schwarze Sonntag“ genannt und eröffnete die Passionszeit. Lange Jahre war es der traditionelle Konfirmationssonntag in der württembergischen Landeskirche. Die Konfirmanden erschienen schwarz gekleidet.

Der Sonntag hat bereits die Perspektive auf den Karfreitag. Still und ernst wird dieser Sonntag in der Regel begangen – und doch wissen wir um die Strahlkraft der Auferstehung und feiern auch an diesem Sonntag schon, wenn auch verhalten, dass das Leben den Tod besiegt. Auch die Corona – Krise nur ein Schatten wirft, den die Ostersonne verjagen wird.

Karl Barth, Schweizer und evangelischer  Theologe, schrieb 1917 : Sowie wir auch nur mit einem Finger hindurchstoßen durch die dünne Schicht von menschlicher Gerechtigkeit und Sicherheit und Wichtigkeit, auf der wir scheinbar so ruhig wandeln, sofort stoßen wir auf den feurigen, unterirdischen Grund dieser großen Anklage, die einfach alles in Frage stellt: Was macht ihr aus eurem Leben? Was für eine falsche, verkehrte Welt baut ihr euch tagtäglich auf… Das ist der Schatten, der über unserem Leben liegt.

Viele Menschen bemerken gerade intensiv, wie zerbrechlich unsere Lebenszusammenhänge sind. Lange Zeit haben wir uns darüber hinwegtäuschen lassen mit allerlei „ Zuckerwatte“, die unseren Alltag überzogen hatte. Lange Trecks zogen an den Wochenenden über die Autobahnen, es wurde nicht danach gefragt, wer sich um die kümmert, die zurückbleiben, die krank, gebrechlich oder benachteiligt sind.  Wer die Regale in den Läden auffüllt, wer am Wochenende Notdienst hat, wer zu Diensten stehen muss in den wellness- Oasen und vor allem auf wessen Kosten das alles geschieht.

Der biblische Text für den heutigen Sonntag ist aus dem Hebräerbrief entnommen, aus dem 13. Kapitel, eigentlich nur die Verse 12- 14, aber ich habe die vorausgehenden mit dazu genommen, da sie in der jetzigen Situation ein sprechendes Zeugnis sind:

1 Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. 2 Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. 3 Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt. 4 Die Ehe soll in Ehren gehalten werden bei allen und das Ehebett unbefleckt; denn die Unzüchtigen und die Ehebrecher wird Gott richten. 5 Seid nicht geldgierig, und lasst euch genügen an dem, was da ist. Denn er hat gesagt (Josua 1,5): »Ich will dich nicht verlassen und nicht von dir weichen.« 6 So können wir getrost sagen (Psalm 118,6): »Der Herr ist mein Helfer, ich werde mich nicht fürchten; was kann mir ein Mensch tun?« 7 Gedenkt eurer Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schaut an und folgt dem Beispiel ihres Glaubens. 8 Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. 9 Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade, nicht durch Speisegebote, von denen keinen Nutzen haben, die danach leben. 10 Wir haben einen Altar, von dem zu essen denen nicht erlaubt ist, die am Zelt dienen. 11 Denn die Leiber der Tiere, deren Blut durch den Hohenpriester als Sündopfer in das Heilige getragen wird, werden außerhalb des Lagers verbrannt. 12 Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. 13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. 14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Als Christen schauen wir nach Vorne – Sie erinnern sich vielleicht noch an die Predigt am Sonntag Laetare zum Evangelium aus Lukas 9, Verse 57- 62, sie finden sie auch auf der homepage. Als Christen ist es unsere Aufgabe, nicht zurückzublicken und an der Gegenwart festzuhalten und dann zur Salzsäule zu erstarren, sondern nach der zukünftigen „Stadt“ Gottes zu suchen!“  Darin steckt Hoffnung und Trost,  dass es eine Zukunft gibt, ist eine Kraftquelle! Wenn ich nur auf das schaue, was auf dieser Erde geschieht, möchte ich am liebsten die Augen davor verschließen! Aber, und das ist ein großes „Aber“ – unsere Zukunft liegt in Gottes Hand! Darauf zu vertrauen gibt Kraft, genau hinzuschauen, sich einzusetzen, nicht aufzugeben. An einer anderen Stelle in der Bibel heißt es: „Suchet der Stadt Bestes“ (Jeremia 29,7). Darum geht es! Nicht wegschauen, nicht die Welt ihren Weg ins Verderben gehen lassen, sondern immer wieder nach Wegen suchen, die zum Frieden, zur Gerechtigkeit, zur Bewahrung der Schöpfung führen!

Mitte 1990 entwickelte eine Gruppe von Professoren auf Anregung des Dänen Kjelk Kirk Kristiansen, der damals Haupteigentümer des Lego-Konzerns war, das „Lego Serious Play“. Spielerisch-kreativ sollte mit dieser Methode die Zukunft in den Blick genommen und nach Lösungen gesucht werden. Was zunächst in Managerseminaren erfolgreich praktiziert wurde, kam vor einigen Jahren auch in die Kirche. Jugendkonvente, Kirchenvorstände oder andere Leitungsgremien bauen unter einer bestimmten Fragestellung mit den bunten Steinen. Ohne Perfektionszwang, ohne Zeitdruck. So entsteht Freiraum für Ideen; manchmal kommt es tatsächlich zu ungeahnten Problemlösungen.

Die zukünftige Stadt und  die zukünftige Kirche – wie werdem sie aussehen ? Auf den Bildern ist zu erkennen, Gott ist in der Mitte, getreu der Hoffnung aus der Offenbarung des Johannes: Siehe da Gottes Zelt ( Hütte in der Einheitsübersetzung) bei den Menschen, oder es sind auch Brücken zu erkennen. Darauf wird es wohl ankommen in der Zukunft: dass wir wieder Brücken schlagen lernen zu all denen, die wir verloren haben und die aus dem Blick geraten sind. Dazu braucht es Freiraum und Ideen und vor allem keinen Zeitdruck. Gottes Zukunft kommt ganz ohne uns.