Geistliches Wort, Schwäbische Zeitung, Ausgabe 20.2.2021

 

 Verfasser: Pfarrer Jörg Martin Schwarz, Ev. Pfarramt, Poststr. 48, 88416 Ochsenhausen, Telefon 07352/ 2455, mail: joerg-martin.schwarzdontospamme@gowaway.elkw.de

 

Text:  Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre (1. Johannes 3, 8b)

Vorschlag Überschrift: Was lehrt uns Geschichte ?

 

Auf dem Display erscheint der nächste Titel des Liedes aus dem Radio: History Will Teach Us Not…  ein kurzer Blick und ich stutze: „Geschichte wird uns Not lehren“ ? - das wäre eine bedenkenswerte Botschaft. Was haben wir aus der Geschichte gelernt? Was zählt unsere Erfahrung in den gegenwärtigen Herausforderungen? Wie sollen wir mit Not umgehen? so könnte es vielleicht gemeint sein.

Allerdings: Deutsche und englische Sprache vermischt in einem Satz? Dann hört man den Refrain: History Will Teach Us Nothing – Geschichte wird uns Nichts lehren. Und ich stelle fest: Das Display war einfach zu kurz, um die ganze Botschaft darstellen zu können.

Wie im richtigen Leben. Zu kurz, um Alles weitergeben zu können, was wichtig wäre, wenn wie jetzt Alles auf dem Spiel steht.

Wie kommt der Verfasser dazu? Deprimierende Sätze folgen. Sie lauten ungefähr:“ Die Geschichte wird uns nichts lehren, unsere geschriebene Geschichte ist ein Katalog des Verbrechens, die Unterdrückung der Milden, die ständige Angst vor Knappheit und Aggression

Die Worte verraten eine Sicht der Geschichte, so als hätten Menschen nie aus der Geschichte gelernt und würden immer wieder denselben Machtphantasien zum Opfer fallen.

Der Wochenspruch für die am morgigen Sonntag neu beginnende Woche aus dem 1. Johannes- Brief führt uns in eine Welt, die vor ähnlichen Problemen stand: Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre ( Kapitel 3, 8b)

Der Sohn Gottes, Jesus selbst sieht sich dieser Herausforderung gegenüber, angesichts von Not und Ohnmacht eine Entscheidung zu treffen, als er in der Wüste versucht wird. Der Theologe Helmut Thielicke schrieb einmal dazu, dass die Versuchung nicht draußen auf uns Menschen lauere, sondern drinnen, dass sie nicht vor uns Menschen sei und kein offenes Visier habe, sondern dass sie von hinten komme und im Rücken stehe. Nicht irgendein Satan stehe zwischen Gott und uns, sondern wir selbst stünden zwischen Gott und uns. So ist auch der im Wochenspruch angesprochene Teufel  nicht als Gegenmacht Gottes zu verstehen, sondern er wird in den Menschen selbst greifbar, die sich mit ihrem ganzen Leben der Beziehung zu Gott entziehen und in dieser Gottesferne gefangen sind.

Wir stehen am Beginn der Passionszeit, die in den Argumenten der Gegner Jesu gipfeln: „Hilf dir selber, wenn Du Gottes Sohn bist und steig herab vom Kreuz“ (Mt 27,40) ,ähnlich in der Versuchungsgeschichte Jesu: Wenn Du Gottes Sohn bist: Sprich, dass diese Steine Brot werden. (Mt 4,3) „Sie erinnern mich in dieser Zeit immer wieder an das zynische Argument: „Jeder ist seines Glückes Schmied“ als Slogan für Selbstermächtigung und Selbstoptimierung, die bewusste Steuerung und Optimierung des gewöhnlichen Menschen. Jesus Christus hat aber in seinem Kommen diesem Tun und Denken bereits ein Ende gemacht und den Menschen in seinem Machtbereich ein neues Leben ermöglicht. Ein menschenwürdiges Leben, in aller Freiheit auch und gerade unter den Bedingungen dieser Welt und ihrer Geschichte.

Der kommende Sonntag ist der erste Sonntag der Passionszeit. In der württembergischen Landeskirche hat dieser Sonntag eine besondere Tradition. Er ist seit 1851 Landesbußtag. Allerdings ist für viele Buße heute ein altmodischer Begriff, doch er meint nichts anderes als etwas zu bereuen und schließt einen Sinneswandel und eine Änderung des eigenen Verhaltens mit ein, damit Geschichte sich nicht sinnlos wiederholt.

Geistliches Wort, Schwäbische Zeitung, Ausgabe 18. 1. 2020

 

Verfasser: Pfarrer Jörg Martin Schwarz, Ev. Pfarramt, Poststr. 48, 88416 Ochsenhausen, Telefon 07352/ 2455, mail: joerg-martin.schwarz@elkw.de

Text:  Wochenspruch aus Johannes 1, 16  „ Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade“

 

 

 

 

 

Gnade um Gnade

 

 

 

Dass wir unser Leben in Freude gestalten, auch wenn uns nicht danach zumute ist, die Freude des Evangeliums wirklich erfahren und daraus Hoffnung und Mut schöpfen zu einem gelingenden Leben – so wäre der Charakter des vor uns liegenden Sonntags zu umschreiben.

 

Vor Kurzem las ich in einer Lebensbeschreibung Abraham Lincolns. Seine Mutter starb, als er neun Jahre alt war. Er wurde als Kind von einem Pferd an den Kopf getreten und ist einmal beinahe ertrunken.

 

Er erkrankte an Malaria, an Syphilis und Pocken. Als er 21 Jahre war scheiterte er mit seiner Geschäftsidee.  Mit 23 Jahren bewarb er sich um ein politisches Amt, verlor seine Stelle und wurde von der juristischen Fakultät abgelehnt. Im selben Jahr startete er mit geliehenem Geld eine neuen Geschäftsidee, war jedoch ein Jahr später schon wieder bankrott.

 

Mit 26 Jahren war er auf dem besten Weg zu heiraten, aber seine Verlobte starb unerwartet. Kurz danach starb seine einzige Schwester.

 

Trotz alledem wurde Abraham Lincoln zum 16. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt. Er fasste seine Erfahrungen einmal so zusammen, dass er mit Enttäuschungen über Jahre viel zu vertraut sei, als dass er  im Einzelfall noch besonders traurig darüber sein könne.

 

So wird er gerne zitiert mit den Worten: Alles geht vorüber- Wie unterschiedlich ist doch die Bedeutung dieses Satzes! In einer glücklichen Stunde wirkt er ernüchternd, angesichts von Kummer und Schmerz hingegen tröstlich.

 

Für ihn waren Rückschläge und Enttäuschungen eher ein Ansporn für noch mehr Sorgfalt und Disziplin. Und er hatte doch auch den nötigen Abstand zu sich selbst, wenn er sagen konnte: Halte dir jeden Tag dreißig Minuten für deine Sorgen frei, und in dieser Zeit mache ein Nickerchen.

 

Lincoln war mit der Bibel vertraut und zitierte sie oft. Auch wenn er nie direkt  ein klares Bekenntnis zum christlichen Glauben abgegeben hat, so glaubte er doch an einen allmächtigen Gott, der den Lauf der Geschichte beeinflusse, als  Schöpfer des Himmels und der Erde und setzte sich deshalb insbesondere für die Menschenrechte und auch die Rechte der Tiere ein.

 

Es ist offensichtlich nicht entscheidend, was uns Alles im Leben zustößt, sondern wie wir damit umgehen lernen, was wir daraus machen.  Jeder und jede von uns kennt sicherlich schmerzliche Erfahrungen im Leben, auf die wir gerne verzichtet hätten und die uns erschienen, als könnte uns Freude am Leben nie mehr erreichen. Und dennoch sind wir dadurch diejenigen geworden, die wir heute sind.

 

Johannes, der Evangelist, sagt im 1. Kapitel seines Evangeliums: „Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.“ Er meint damit die Gnade Gottes, eine Fülle, die nicht enden will und immer wieder Gnade. Aus dieser Gnade leben wir und glauben wir. Ausgestattet mit dieser Gnade sind wir unterwegs in dieser Welt. Mit dieser Gnade sind wir in der Lage Licht zu den Menschen zu bringen, die sie dringend benötigen.

 

Geistliches Wort, Samstag 19.12.2020, Schwäbische Zeitung

Text: Philipper 4.4

Verfasser: Pfarrer Jörg Martin Schwarz, Ev. Pfarramt 88416 Ochsenhausen

Mail: joerg-martin.schwarzdontospamme@gowaway.elkw.de

 

Was fehlt noch ?

Das Kreuzworträtselheft ist aufgeschlagen, was fehlt noch: Das Zeigen von Freude, 6 Buchstaben……..

Was fehlt uns eigentlich noch in dieser vorweihnachtlichen Adventszeit ? Wir sind auf dem Weg, Menschen sind ein Leben lang unterwegs, suchen neue Wege, verlaufen sich hin und wieder, müssen umkehren und sich immer wieder neu orientieren. Lockdown – das bedeutet: Alles steht still, keine Bewegung ist mehr wahrzunehmen. Stillstand. Und dennoch oder vielleicht gerade umso drängender die Frage: Was ist eigentlich das Ziel meines Lebenswegs. Als Christ würde ich sagen, dass Jesus selbst der Weg und das Ziel ist, der Weg auf Weihnachten hin orientiert sich an ihm und am Heiligen Abend wird dies besonders deutlich. Denn Weihnachten feiern ohne Jesus, das geht eigentlich gar nicht.

Das Ausrichten auf Jesus an Weihnachten hat natürlich auch Folgen für die Gestaltung des Advents. Es ist nicht nur Basteln, Plätzchen backen und Festvorbereitungen treffen. Advent ist vielmehr auch eine Zeit, um Bilanz zu ziehen. Nicht nur im kaufmännischen Sinne am Jahresende, umsatzorientiert, sondern konkret in meinem Leben. Wie ist eigentlich mein Verhältnis zu Jesus ? Wie steht es um meinen Glauben ? Finde ich noch Worte für ein Gebet ?

Mit Freude erinnere ich mich an Menschen, denen ich begegnet bin, die ganz unverstellt auf schwäbisch sagen konnten: Des isch mei Jesus !  Als Bekräftigung der Aussage zum Beispiel, dass man das Haupt niemals vor einem gekrönten Menschenhaupt neigen würde, da es nur einen wirklichen Herrn der Welt gibt: Jesus Christus.

Menschen, die trotz der schlimmsten Erfahrungen im Gefängnis und unter Folter immer noch Freude ausstrahlen konnten und sich an ihrem Herrn Jesus Christus festmachten und damit auch gerne eine Anbindung zu unserer Gemeinde herstellen wollten.

 

 

 

Auch der Apostel Paulus schmuggelt Zeilen aus dem Gefängnis, wir erfahren von seiner Situation im Brief nach Philippi.

Seine Wege waren vielfältig, immer unterwegs um die gute Nachricht von Jesus Christus weiterzugeben, solange er konnte, solange es in seiner Kraft stand und solange ihm noch Zeit blieb. Nun auch für ihn der Lockdown. Die Aussichten düster. Er rechnet mit dem Schlimmsten. Doch seine Inhaftierung lässt ihn nicht den Mut verlieren und angstvoll in die Zukunft blicken. Stattdessen verleiht er seinem Glauben noch umfassender und furchtloser Nachdruck und freut sich auf die Zukunft: Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe! ( Paulus,Brief nach Philippi, Kapitel 4,4)

Es zeigt sich darin sein unerschütterlicher Glaube an  Gott, der ihn nicht verzweifeln lässt, weil er fest davon überzeugt ist, dass Gott ihn aus den Fesseln des Todes befreien wird. Er spürt in dieser Situation, dass er sich dabei nicht auf seine eigene Kraft verlassen muss. Es ist das Gefühl, von guten Mächten wunderbar geborgen zu sein.

So erzählte es auch ein anderer Gast in unserer Kirche. Er kam jeden Tag zur Mittagszeit und zündete dabei eine Kerze an vor der großen Holzskulptur die im Eingangsbereich der Kirche steht. Sie zeigt Jesus Christus den Auferstandenen, den Pantokrator, der die Welt in Händen hält. Auf der Flucht hatte er dieses lebenswendende Erlebnis, dass Jesus für ihn da ist und ihm hilft. Seither versteht er sich als Christ. Und er lacht, wenn wir uns begegnen. Er strahlt eine innere Gewissheit und Freude aus, man erkennt es an seinen Augen, trotz der Mund- Nasen- Bedeckung.

Ach ja - Was fehlt noch ? Das Zeigen von Freude…… 6 Buchstaben…….jetzt weiß ich´s……

 

Lachen.

Die neue Perikopenordnung

 

Über welchen Bibeltext die Pfarrerin am Sonntag predigt, welchen Wochenspruch der Pfarrer an den

Anfang der Liturgie stellt, welches Lied nach der Schriftlesung gesungen wird — all dies bestimmen in

der Regel nicht diejenigen, die den Gottesdienst gestalten. Bei der Auswahl dieser Texte orientieren

sie sich an der jeweils gültigen Perikopenordnung (der biblische Predigttext wird auch „Perikope"

genannt). Die Tradition der Perikopenordnungen kennen wir schon aus dem vorchristlichen

Synagogengottesdienst. Die entstehenden christlichen Kirchen haben diesen Brauch übernommen.

 

Im Laufe der Kirchengeschichte wurden die Perikopenordnungen des Öfteren verändert. Seit dem 19.

Jahrhundert gibt es sechs verschiedene Perikopenreihen, die jeweils mit dem ersten Advent

beginnen und nacheinander in der Reihe sind. Die Reihe I umfasst Evangelientexte, die Reihe II

Episteltexte (neutestamentliche Briefe), die Reihen III-VI diese und andere biblische Bücher. Ein

bestimmter Bibeltext wird also nur alle sechs Jahre gepredigt.

 

Im Bereich der Evangelischen Kirche in Deutschland gilt ab dem ersten Advent 2018 eine neue

Perikopenordnung, die in den bisherigen Textbestand maßvoll eingreift. Die württembergische

Landeskirche schließt sich zunächst für ein Jahr dieser neuen Regelung an. Vermutlich wird in diesem

ersten Jahr noch erarbeitet, welche württembergischen Akzente zusätzlich gesetzt werden sollen und

in welcher Form die neue Ordnung dann auch für uns gilt. Ab dem ersten Advent verändern sich also

auch bei uns die Gottesdienste. Was wird anders? Worauf können wir uns freuen?

 

Eine große Veränderung ist die "Durchmischung" der bisherigen Predigtreihen. Es werden also nicht

mehr wie  bislang im ersten der sechs Jahre nur Evangelientexte gepredigt, im zweiten Jahr dann

Episteltexte usw. Ein Predigtjahr wird von jetzt ab bei den Texten abwechseln: An einem Sonntag

kommt ein Evangelientext an die Reihe, am nächsten ein Episteltext und dann ein alttestamentlicher

Text. Es wird abwechslungsreicher. Man hat hier besonders an die Konfirmanden/innen gedacht.

Während  des einen Jahres, das sie häufiger in den Gottesdienst kommen, sollen sie möglichst die

Vielfalt der Bibel hören.

 

Wer mitgerechnet  hat, weiß nun, dass rund ein Drittel aller Texte aus dem Alten Testament

stammen.  Dafür wurde ihr Anteil verdoppelt. Im Hintergrund steht die Neuentdeckung der

Bedeutung des Alten Testaments in den letzten Jahrzehnten durch die christliche Theologie. Jetzt soll

im Gottesdienst verstärkt der eigenen Stimme des Alten Testaments Raum gegeben werden. Hierbei

spielt auch das christliche Gespräch mit dem Judentum eine Rolle. Das Neue Testament ist im alten

verankert. Ohne dieses hinge die Christusgeschichte in der Luft. Es ist nötig, um das Christuszeugnis

als biblisches Gotteszeugnis zu hören.

 

Neu wird es auch bei den Wochenliedern. Künftig gibt es pro Sonntag zwei Wochenlieder, ein älteres

und ein neueres. Dazu wird es ein neues Liederbuch geben, das das bisherige Gesangbuch ergänzt

(„Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder PLUS").

 

An einer Stelle wird auch das Kirchenjahr neu strukturiert. Mit dem 2. Februar (Mariä Lichtmess)

endet künftig fest die Epiphaniaszeit. Am 3. Februar beginnt die Vorpassionszeit. Die Sonntage nach

dem 2.2. werden künftig als „5. bzw. 4. Sonntag vor der Passionszeit" bezeichnet. Dann folgen

Septuagesimä, Sexagesimä, Estomihi, lnvokavit usw.

 

Der Zehnte  Sonntag nach Trinitatis (Israelsonntag) hat nun zwei Ausrichtungen zur Auswahl.

Entweder  kann er als Gedenktag der Tempelzerstörung (liturgische Farbe: violett) oder mit der

Thematik  Kirche und Israel (liturgische Farbe: grün) gefeiert werden.

 

Wer  neugierig geworden ist auf die vielen neuen Akzente, die uns in unseren Gottesdiensten

erwarten, kann sich hier ausführlicher informieren: www.fachstelle-

gottesdienst.degottesdienst-in-wuerttemberg/perikopenrevision-2018/

 

                                                          Evelina Volkmann, Fachstelle Gottesdienst