Seite unseres Pfarrers

Liebe Gemeinde,
 
„Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.“ So hieß die Jahreslosung für das Jahr 2009, in der Bibel zu finden bei Lukas 18,27. Auch Jesus spricht hier davon, dass das Unmögliche möglich werden kann – freilich nicht in der Realität , sondern in der Wirklichkeit Gottes. Dass ein Kamel durch’s Nadelöhr geht, das ist unmöglich, sagt Jesus, und genauso ist es aus menschlicher Sicht unmöglich, dass ein Reicher den Weg in Gottes Reich findet. Aber – Gott sei Dank! – gibt es nicht nur die eine Wirklichkeit; es gibt zwischen Himmel und Erde mehr, als wir mit unserem Sinn fürs Realistische für möglich halten. So gibt es die Wirklichkeit Gottes, in der noch viel mehr möglich ist, als wir uns erträumen können.
 
Mit den Schülerinnen und Schülern der Klasse 13 des Gymnasiums in Ochsenhausen behandle ich seit einigen Wochen schon dieses Thema: „Wirklichkeit“. Was nehmen wir wahr ? Was ist unsere Realität? Unsere Wirklichkeit? Oft ist es so, dass wir nur das wahrnehmen können, was wir schon in uns tragen – diese Einsicht verdanken wir der Neurobiologie. Und das macht mich nachdenklich. Was sehen wir am anderen, wenn wir von seinem Hass, seiner Unzulänglichkeit, seiner Gier, seinem Neid oder seiner Verlogenheit sprechen ?  Ein gutes Korrektiv, eine Sehhilfe kann der Blick auf Gott sein, wie es im Monatsspruch für den Januar aus Psalm 16 hieß: Ich habe den Herrn allezeit vor Augen; steht er mir zur Rechten, so werde ich festbleiben. (Psalm 16,8).
 
Einer der danach lebte war  der Pfarrer und spätere Kirchenpräsident in Darmstadt, Martin Niemöller (1892–1984). Niemöller war einmal eine kurze Zeit der Hoffnung, die Nationalsozialisten würden es besser machen in Deutschland. Aber dann sah er, dass die nur sich selbst zu Göttern machten und den Gott der Bibel völlig vergaßen. Da wurde er zu ihrem entschlossenen Gegner. In dieser Zeit, in der er auch ins Konzentrationslager verschleppt wurde, hat Niemöller sich immer gefragt: Was würde Jesus dazu sagen? Auch in seinem Amt als Kirchenpräsident wollte er von dieser Frage nicht lassen. Was würde Jesus dazu sagen? Mit dieser Frage hat man Gott immer vor Augen. Was würde Jesus dazu sagen, wie ich mit meinem Geld umgehe? Was würde Jesus dazu sagen, wie Kinder in unserem Land aufwachsen, wie die Alten leben, wie Politiker und Politikerinnen miteinander umgehen, wie auch wir in unserer Kirchengemeinde miteinander umgehen? Das ist eine gute Frage – auch dann, wenn mir nicht sofort eine Antwort darauf einfällt. Schon die Frage ist gut. Sie bringt mich einen Moment weg von mir selber, weg von meinen eingespielten Lebensmustern. Meine Gedanken wenden sich Größerem, einem größeren Zusammenhang, einer anderen Wirklichkeit zu. Das ist manchmal nötig.
 
Es tut gut, die eigene Welt, die eigene Realität auch einmal zu verlassen, um wieder besser zurechtzukommen.  Nur aus dem Unmöglichen kann die Welt erneuert werden und leben. Dieses Unmögliche ist der Segen Gottes, sagte einmal Dietrich Bonhoeffer. Das ist unsere Hoffnung als Christen: Das Unmögliche wird möglich. Träume werden wahr. Frieden wächst, Menschen werden zu einer großen Familie. Die Schöpfung muss nicht mehr stöhnen unter der Ausbeutung durch die Menschen. Unser Leben läuft nicht ins Leere, wir finden Glück und Erfüllung.
 
Das alles kann geschehen, aber wir können es nicht machen. Für uns Menschen ist es unmöglich, aber bei Gott kann es möglich werden. Die Jahreslosung ermuntert uns, dass wir uns ganz auf ihn verlassen. Dass wir nicht in unsere Träume flüchten, sondern im Vertrauen auf Gott das Unmögliche wagen: Frieden leben. Lieben. Hoffen. Möge uns so das neue Jahr zum Segen werden. Durch seinen Segen.
 
In diesem Sinne haben wir das neue Jahr auch als Gemeinde begonnen mit dem außergewöhnlichen Gottesdienst, den wir am 4. Januar miteinander feiern durften, mitgestaltet durch den Kirchengemeinderat. Sie finden den Bericht in dieser Ausgabe. Ein beeindruckendes Zeugnis der Geschwisterlichkeit und des ökumenischen Miteinanders – nicht Nebeneinanders – war auch der Gottesdienst am Bibelsonntag, dem 28. Januar , in der Klosterkirche unter dem Motto „Christsein in der Stadt“. Damit haben wir auch gemeinsam das Paulusjahr 2009 eröffnet. Das gemeinsame Gebet stand unter dem Leitmotiv „Gesinnt wie Christus“, darin hieß es „Steht fest in dem Geist, den ihr in der Taufe empfangen habt, steht zusammen, wenn ihr angeklagt und verfolgt werdet, kämpft einmütig für den Glauben an das Evangelium, lasst euch von den Gegnern nicht einschüchtern, denkt daran , dass es ein Zeichen der Verbundenheit mit Christus ist, wenn ihr mit ihm und für ihn leidet, ob wir leben oder sterben, wir gehören dem Herrn.“
 
Paulus stand immer fest zu seinem Glauben und er sprach auch darüber. Über den eigenen Glauben zu reden, diese Einladung stand auch im Mittelpunkt der Predigt und auch in den Ausführungen am nachfolgenden Bibelabend. Es ist wichtig, uns wieder als Glaubens – und Erzählgemeinschaft zu entdecken, damit wir einladend sein können für andere, damit wir Kraft finden, wenn uns Schweres auf dem Herzen liegt und wir uns daran erinnern, wer unser Leben in Händen hält. Gerade für junge Menschen ist es wichtig, dass sie heute Menschen finden, mit denen sie reden können, gerade ihre Hoffnungen, Zweifel und Sorgen ansprechen können – da sind wir als ganze Gemeinde gefordert, das ist mir immer wieder auch in den vergangenen Stunden mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden deutlich geworden. 
 
So wünsche ich mir, dass sie auch nach ihrer Konfirmation hineinwachsen können in diese Glaubens – und Erzählgemeinschaft, möge auch ganz besonders ihnen dieses neue Jahr zum Segen werden, durch Gottes Segen den Sie an ihrer Konfirmation empfangen werden.
 
Es  grüßt Sie ganz herzlich
 
Ihr Pfarrer Jörg Schwarz


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